Für die Zukunft sorgen

26. Juni 2014
 

Was für eine Welt wollen wir unseren Nachfahren hinterlassen? Für die meisten Menschen ist die Antwort klar. Sie würden die Erde gerne als grünen, bewohnbaren Planeten an ihre Kinder und Kindeskinder übergeben.

Aber reicht diese vage Absicht – sind tatsächlich genügend Menschen bereit, im Interesse noch ungeborener Generationen öfter mal ihr Auto stehen zu lassen und mit dem Fahrrad zu fahren? Das Problem ist nicht so trivial wie es scheint. Schließlich findet der Verzicht mit allen Kosten heute statt. Den Nutzen haben aber Personen, die wir teilweise noch gar nicht kennen.

Mathematiker und Psychologen der Universitäten Yale und Harvard sind dieser Frage mit einer Reihe von Experimenten nachgegangen. Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse, die sie in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, beruhigend. Denn zumindest im Rahmen der Versuche verhielt sich tatsächlich die Mehrheit der Teilnehmer umsichtig. Sie war bereit, nachfolgenden Generationen ausreichende Ressourcen zu hinterlassen. Doch was die Rücksichtsvollen sparten, verprasste eine Minderheit von Egoisten ohne Rücksicht auf Verluste.

Sind wir solchen Ausbeutern also hilflos ausgeliefert? Nicht unbedingt, sagen die Wissenschaftler. Es komme nämlich darauf an, ob das Recht des Stärkeren gelte – oder demokratische Regeln. Durch letztere könne das selbstsüchtige Verhalten Einzelner abgemildert werden.

Die Experimente

Für ihre Experimente setzten die Wissenschaftler auf sogenannte Public Goods Games. David Rand, Martin Nowak, Oliver Hauer und Alexander Peysakhovich rekrutierten im Internet Probanden und teilten diese in "Generationen" von jeweils fünf Spielern auf. Die Teams erhielten jeweils 100 Einheiten einer virtuellen Währung.

Jeder Teilnehmer durfte maximal 20 Einheiten für sich behalten. Pro angehäufter Einheit zahlten die Versuchsleiter später einen geringen Geldbetrag aus. Insgesamt sollte die Gruppe aber nicht mehr als 50 Einheiten verwenden. Nur dann füllten die Spielleiter den Geldtopf wieder auf, sodass nachfolgenden Generationen der gleiche Betrag zur Verfügung stand. Wurde das Ziel verfehlt, war das Turnier beendet.

Faire Spieler zeichneten sich dadurch aus, dass sie höchstens zehn Einheiten für sich behielten. Hätten das alle getan, wäre genug für die Nachkommen verblieben. Die Mehrheit, also mehr als drei von fünf Teilnehmern, verhielt sich in diesem Sinne gerecht.

Eine Minderheit war jedoch nicht zum Verzicht bereit. Das hatte zur Folge, dass die gesamte Gruppe nicht genügend Ressourcen vererben konnte. Die traurige Wahrheit: In 18 Versuchen gelang es nur vier Gruppen, etwas für nachfolgende Generationen übrig zu lassen.

Der Segen der Demokratie

Doch die Ergebnisse änderten sich dramatisch, sofern demokratische Prinzipien angewandt wurden. Unter den Maßgaben des Spiels bedeutete das: Alle Gruppenmitglieder nannten einen Betrag, auf den sie zu verzichten bereit waren. Der Betrag, der genau in der Mitte lag, wurde dann von allen einkassiert. Alle Teams, die unter diesen Prinzipien spielten, wirtschafteten nachhaltig.

Warum? Erstens beugte dieses demokratische Element Neid und Missgunst bei der Mehrheit vor: Jeder konnte sich sicher sein, dass andere genauso viel abgeben mussten wie er selbst. Die Angst vor Abweichlern war nicht mehr vorhanden. Zweitens band es die Abtrünnigen mit in die allgemeinen Regeln ein.

In einem dritten Versuch zeigten die Yale- und Harvardforscher: Demokratie funktioniert nur, wenn die Regeln für alle verpflichtend sind. Sonderrechte für Einzelne hebelten die Nachhaltigkeit wieder aus. Der Psychologe David Rand sagt: "Man verschwendet nur seine Zeit, wenn Abstimmungsergebnisse nicht für jeden verbindlich sind."

Selbstverständlich wissen die Forscher selbst, dass ihr Modell etwas simpler ist als die Wirklichkeit. Und der Ökonomieprofessor Louis Putterman schreibt in einem begleitenden Aufsatz in Nature: "Natürlich ist es einfacher für die Teilnehmer in diesen Experimenten, auf Beträge in Höhe von Wechselgeld zu verzichten, als für ganze Gesellschaften, den Autoverkehr zugunsten des Fahrradfahrens und öffentlichen Verkehrsmitteln zu reduzieren."

Die Studienautoren meinen: Institutionen sollten die Vorstellung hinter sich lassen, dass wir Menschen nur nach unserem eigenen Vorteil streben. Viele Bürger seien bereit dazu, zum Wohle zukünftiger Generationen auf etwas zu verzichten. Sie müssten nur durch passende Regeln die Chance erhalten, dies zu tun.

Johannes Künzel

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