Glück damals, Glück heute

08. Mai 2015
 

Menschen haben ziemlich konkrete Vorstellungen davon, was man im Leben zum Glücklichsein braucht. Manche dieser Ingredienzen sind deutlich dem Zeitgeist unterworfen, andere erstaunlich dauerhaft. Das stellten britische Psychologen der University of Bolton fest, als sie eine klassische Glücksstudie aus dem Jahr 1938 neu auflegten und die Aussagen von damals mit denen von heute verglichen.

„Was ist Glück?“, hieß es im Jahr 1938 in einer Anzeige, die die Forscher in der Lokalzeitung Bolton Evening News geschaltet hatten. Darin baten sie die Leser, sich diese Frage doch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und ihnen dann ihre Antworten schriftlich zukommen zu lassen. 226 Briefe erreichten die Untersucher. Aus diesen extrahierten sie dann zehn Faktoren des Glücks, und die Probanden wurden nochmals gebeten, die Bedeutung dieser zehn Glückszutaten einzeln einzustufen. Denselben Fragebogen, übertragen in eine zeitgemäße Sprache, legten Sandy McHugh und Jerome Carson nun wiederum einer Stichprobe von Einwohnern der englischen Stadt Bolton vor. Die Ergebnisse präsentierten sie jetzt am 5. Mai auf der Jahrestagung der British Psychological Society in Liverpool.

An der Spitze der Top-Ten des Glücks hat sich in den beinahe acht Jahrzehnten einiges verändert. Sicherheit, Wissen, Glaube: Das war 1938 der Dreiklang, der für die Menschen seinerzeit ein behagliches Leben ausdrückte. Geblieben ist davon auf der Rangliste von heute nur noch der Wert „Sicherheit“ auf Platz 3. Die ersten beiden Ränge nehmen jetzt zwei typisch individualistische Werte ein: „gute Stimmung“ und „Freizeit“. Der Glücksabsteiger des Jahrhunderts ist die Religion. Sie fiel seit 1938 von dem dritten auf den zehnten und letzten Platz.

Ein weiterer auffälliger Unterscheid zwischen damals und heute ist die nachlassende Verankerung der Menschen in ihrem sozialen Umfeld: Vor 77 Jahren fühlten sich die meisten Befragten am glücklichsten, wenn sie in Bolton waren, ihrer Heimatstadt im Tal des River Croal im Nordwesten Englands. Heute hingegen fühlen sich 63 Prozent am glücklichsten, wenn sie einen Tapetenwechsel genießen und gerade nicht daheim in Bolton sind. „Der Gesamteindruck ist, dass 1938 das Glücksempfinden im Alltagsleben daheim und in der Gemeinde verwurzelt war“, so Sandie McHugh. Heute würden zwar Familie und Freunde nach wie vor als wichtige Glückszutaten angesehen, doch die weitere soziale und geografische Umgebung hat an Bedeutung verloren.

Wenig verändert hat sich die Bewertung materieller Güter: Die Frage, ob „ihr Glück direkt mit Besitz und Wohlstand verbunden ist“, beantworten heute 77 Prozent mit „nein“. Auch schon 1938 war Wohlstand als nicht sonderlich bedeutsam für das individuelle Glück eingestuft worden. Unverändert blieb ferner die Rolle, den die Befragten dem Zufall zubilligten: Damals wie heute meinten 40 Prozent, ein glückliches Leben sei zu einem bedeutenden Teil eine Frage glücklicher Fügungen.

Auch wenn die Forscher einzelne Formulierungen einander gegenüberstellen, mit denen Befragte seinerzeit und jetzt in eigenen Worten das Fundament ihres Glückes beschreiben, gibt es mitunter erstaunliche Übereinstimmungen. „Genug Geld, um die täglichen Bedürfnisse zu befriedigen, und ein bisschen zusätzlich zum Vergnügen“ – so beschrieb ein Proband 1938, was er materiell zum Glücklichsein braucht; ein Pendant dazu von heute: „Zu wissen, dass ich meine Miete pünktlich zahlen kann und mir gesundes Essen leisten kann.“

Ein Statement von 1938, was die soziale Komponente des Glücks angeht: „Wenn ich heimkomme und die Kleinen und meine Frau sehe, dann bin ich glücklich.“ Und heute: „Man braucht nicht Tonnen von materiellen Dingen, um glücklich zu sein, es reicht der Fleck, an dem du lebst, und die Menschen, die um dich herum sind.“

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: British Psychological Society (BPS): How our view of what makes us happy has changed in 80 years. ScienceDaily, 4 May 2015

 

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