Gott und die Welt

28. März 2013
 

Die Karwoche gilt als bedeutendste Woche des Kirchenjahres. Christen erinnern sich in diesen Tagen an das Leiden und Sterben Jesu, bevor sie Ostern seine Auferstehung feiern. Fast 25 Millionen Katholiken leben in Deutschland, knapp 24 Millionen Mitglieder hatte die evangelische Kirche im Jahr 2010.

Doch obwohl Religion im Leben vieler Menschen eine mehr oder minder große Rolle spielt, haben Psychologen das Thema lange nur mit spitzen Fingern angefasst. Dazu mag beigetragen haben, dass Persönlichkeiten wie Sigmund Freud oder Burrhus Frederic Skinner ihr mit Argwohn gegenüberstanden. Freud etwa bezeichnete die "Religionen der Menschheit" als "Massenwahn".

Heute beschäftigen sich auch empirisch orientierte Wissenschaftler mit Glauben und Spiritualität, vor allem in den USA. Die Frage, ob solche Überzeugungen "wahr" oder "falsch" sind, klammern sie dabei aus. Fachleute wie Kenneth Pargament, Psychologieprofessor an der Bowling Green State University in Ohio, untersuchen genau genommen nicht die Religion an sich, sondern ihre Wirkung auf Menschen. Kurz vor Ostern stellt sich Pargament auf der Internetseite der American Psychological Association der Frage, ob Religion und Spiritualität eine größere Rolle in der Therapie spielen sollten.

Der amerikanische Wissenschaftler beantwortet diese Frage mit einem zweifachen Ja. Seiner Ansicht nach können religiöse und spirituelle Überzeugungen – etwa der Glauben an ein Leben nach dem Tod – einigen Menschen Kraft geben. Gerade in Krisen, also bei schweren Krankheiten oder Verlusten, böten solche Gewissheiten Trost. Wer das Gefühl hat, das Gott – oder eine andere übernatürliche Kraft – auf seiner Seite ist, dem gibt das möglicherweise Halt. Religiöse Rituale können auch ein stabiles Fundament sein: Wenn sich das ganze Leben verändert, mag es helfen, regelmäßig Ruhe im Gebet zu finden. Auch die menschliche Unterstützung durch Geistliche oder andere Gemeindemitglieder ist oft wertvoll.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Wer eine Naturkatastrophe als persönliche Strafe Gottes versteht, gibt dem Geschehen zwar einen tieferen Sinn, findet also eine spirituelle Erklärung dafür. Er fühlt sich aber nicht besser, sondern schlechter. Pargament sagt: "Eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen hat solche spirituellen Krisen mit seelischen Belastungen und abnehmender körperlicher Gesundheit in Verbindung gebracht; sogar ein höheres Sterblichkeitsrisiko wurde beobachtet." Diese Schattenseiten sind für Pargament der zweite Grund, Religion in der Psychotherapie zu thematisieren. Schließlich sei die Sicht auf sich selbst und andere bei vielen Menschen stark durch ihre spirituellen Überzeugungen bestimmt. Dies außer Acht zu lassen, bedeute, einen wesentlichen Teil der Persönlichkeit nicht zu berücksichtigen.

Therapeuten, die mit dem Thema unvertraut sind – weil sie selbst keinen persönlichen Bezug dazu haben, rät Pargament: Sie sollten ihren Klienten ein oder zwei Fragen zu Religion und Spiritualität stellen. Daraus ergebe sich oft schon ein weiterführendes Gespräch.

Johannes Künzel

Quellen: American Psychological Association: What role do religion and spirituality play in mental health? 22. März 2013, www.apa.org
Bundeszentrale für politische Bildung: Zahlen Fakten. Die soziale Situation in Deutschland: Religionszugehörigkeit. Stand: 27.9.2012, www.bpb.de

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