Aufsteigen wie Mesut Özil?

06. Juli 2012
 

Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Ghetto-Kid zum Gangsta-Rapper oder Fußballprofi – so sehen Erfolgsgeschichten in den Medien aus. Doch nicht jeder kann ein gefeierter Popstar werden, und Karrieren wie die von Fußballer Mesut Özil sind die absolute Ausnahme. Mithilfe einer guten (Aus-)Bildung aufzusteigen, dürfte da eher erfolgversprechend sein.

Der Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani von der Ruhr-Universität Bochum hat solche Bildungsaufstiege analysiert.

Er führte insgesamt 19 Interviews mit erfolgreichen deutschen und türkischen Akademikerinnen und Akademikern. Die Befragten, deren Eltern bestenfalls einfache Schulabschlüsse besitzen, haben alle Karriere in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kunst oder Kultur gemacht. El-Mafaalani interessierte sich vor allem für soziale Barrieren und wie man diese überwinden kann.

Er hat ein typisches Muster gefunden: Ob ausländischer Herkunft oder nicht, alle Bildungsaufsteiger haben sich sowohl innerlich als auch äußerlich von ihrem ursprünglichen Milieu distanziert. Die innere Distanzierung vollzieht sich durch eine sogenannte Habitusveränderung, die äußere durch den sozialen Aufstieg über Bildung. Habitusveränderung bedeutet, dass die Aufsteiger mehr oder weniger offen ihre eigene Herkunft und damit auch ihre Vergangenheit verneinen. Insbesondere die Ablehnung ästhetischer, kognitiver, körperlicher und moralischer Aspekte des Herkunftsmilieus zeigt, dass Bildung immer auch mit einer Veränderung der Persönlichkeit einhergeht.

Genau darin sieht El-Mafaalani den Unterschied zu weniger erfolgreichen Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien. „Reich und berühmt werden wollen im Prinzip viele benachteiligte Menschen, was aufgrund der finanziellen Knappheit auch nicht überrascht. Aber für diejenigen, die tatsächlich aufsteigen, spielt weniger das Geld die entscheidende Rolle. Sie wollen sich selbst verändern, sich weiterentwickeln, ihren Handlungsspielraum erweitern.“ Und wer an sich selbst arbeiten wolle, der sei auch zugänglich für Bildung. Deshalb seien Prominente wie Mesut Özil, Bushido oder Dieter Bohlen schlechte Vorbilder, denn sie suggerierten, dass man so bleiben könne, wie man sei, und dennoch reich und angesehen werden könne.

In jedem Lebensabschnitt warten spezielle Herausforderungen auf die Aufsteiger: in der Grundschule, beim Übergang zur weiterführenden Schule, bei Aufnahme und Abschluss eines Studiums, bei der beruflichen Etablierung. „An jeder dieser Schwellen ist ein Herkunftseffekt messbar“, so der Forscher. Das gilt für Deutsche wie Türken gleichermaßen, dennoch gibt es Unterschiede: Während die einheimischen Eltern ihrem Nachwuchs gegenüber nur geringe Bildungsbestrebungen hegen, erwarten die türkischstämmigen Eltern von ihren Kindern deutlich mehr.

Quelle: Ruhr-Universität Bochum über idw
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