„Hallo, meine Augen sind dort oben!“

08. November 2013
 

Frauen haben es ja schon immer gewusst: Wenn Männer sie mustern, wandern deren Blicke vornehmlich dorthin, wo sie nichts verloren haben. Sarah Gervais und ihre Mitforscher an der University of Nebraska haben diesen Verdacht nun rundum bestätigt. Sie verwendeten dabei einen unbestechlichen Eyetracker, eine Apparatur, die anhand der Augenbewegungen genau feststellt, wohin der Blick sich gerade richtet.

Während ihre Blicke also aufgezeichnet wurden, betrachteten die studentischen Versuchspersonen Fotos von jungen Frauen von unterschiedlicher Gestalt: manche kurvig, andere eher grazil. Die Figurunterschiede waren zuvor von den Forschern per Bildbearbeitung noch systematisch variiert und verstärkt worden.

Es kam, wie es kommen musste: Nach einer kurzen Orientierungsphase, in der der Blick der männlichen Probanden rasch über das Foto huschte, blieb er schließlich an den Brüsten oder tieferliegenden Regionen haften. Das Gesicht der Abgebildeten fand vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Besonders ausgeprägt war dieses Blickmuster beim Betrachten von Frauen mit Wespentaille und üppigen Brüsten. Frauen-T-Shirts mit dem Aufdruck „Hallo, meine Augen sind dort oben!“ haben also ihre Berechtigung.

Der Schock kam für Sarah Gervais und ihr Team dann aber, als sie dieselben Fotos von weiblichen Versuchsteilnehmern betrachten ließen. Denn wie sich herausstellte, unterschied sich deren Blickverhalten kaum von dem der Männer. Zwar war das Verlaufsmuster der Augenbewegungen ein wenig anders als bei den Männern, doch insgesamt verharrten die weiblichen Blicke ebenso lange auf den sexuell markanten Körperpartien der abgebildeten Geschlechtsgenossinnen, wie dies bei den männlichen Betrachtern der Fall gewesen war. Gervais vermutet, dass Frauen andere Frauen auf diese Weise taxieren, weil sie sich mit ihnen vergleichen. Bei Männern hingegen dürften wohl eher die Hormone die Blicke steuern.

Einen kleinen Geschlechterunterschied fanden die Forscher schließlich doch noch: Als sie ihre Probanden baten, die abgebildeten Frauen mal nach ihrem Erscheinungsbild, mal nach ihrer Persönlichkeit zu bewerten, differenzierten die weiblichen Betrachter durchaus zwischen diesen beiden Eigenschaften. Männer hingegen bewerteten – egal ob es nun um die Erscheinung oder um den Charakter ging – Frauen mit Pamela-Anderson-Proportionen generell positiver als jene, die von diesem Schema abwichen. Offensichtlich hängen Männer der Theorie an, dass sich die Persönlichkeit der Frau in ihren Kurven spiegelt.

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: University of Nebraska-Lincoln via ScienceDaily
Originalveröffentlichung von Sarah J. Gervais u.a.: My eyes are up here: The nature of the objectifying gaze toward women. Sex roles, 2013, DOI: 10.1007/s11199-013-0316-x
Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Das weite Land der Seele

Von Georg Psota, Michael Horowitz

Über die Psyche in einer verrückten Welt. Residenz Verlag 2016, 251 Seiten

22,- €inkl. 7% MwSt.