Helden der Kindheit

13. Mai 2015 von:  Eva-Maria Träger
 

Führung lernen dank „Transformers“: Zwei amerikanische Wissenschaftler sagen, dass die Actionzeichentrickserie Kindern vorlebt, wie sich ein guter Anführer verhalten sollte.

Gute Geschichten für Kinder dienen nicht nur der Unterhaltung. Im besten Fall geben sie ihren Lesern neben dem erhebenden Gefühl, auch als kleiner Mensch sichtbar und wichtig zu sein, auch etwas Wertvolles fürs Leben mit. Das darf nicht zu offensichtlich und vor allem nicht belehrend geschehen, sondern sollte amüsant und spannend transportiert werden, so wie bei den besten Geschichten für Erwachsene auch. Nur dass die wichtigen Weisheiten in jungem Alter noch nicht ganz so raffiniert verpackt werden müssen.

Nun unterscheiden sich die Einschätzungen, was wertvoll sein könnte und was nicht, nicht nur zwischen Eltern und Kindern oft beträchtlich. Dass auch diesbezüglich umstrittenes Material durchaus sinnvolle Botschaften beinhalten kann, legt jetzt eine Studie aus den USA nahe. Die Grundfrage: Wie prägen Kindergeschichten die Vorstellung von guter Führung?  Der Forschungsgegenstand: die frühen Staffeln der Fernsehserie Transformers.  

Ab 1984 in den USA und von 1989 an in Deutschland ausgestrahlt, sind die titelgebenden  Figuren dieser Zeichentrickreihe genau wie in den aktuelleren Spielfilmen Roboter, die sich aus aufrechter, menschenähnlicher Gestalt in Autos, Flugzeuge und andere Fahrzeuge verwandeln können. Das tun sie in dem Kinderprogramm ständig, vor allem zu Kampfzwecken, begleitet von markigen Sprüchen, allerhand Lichtblitzen und eingängiger Musik, die auch in den Werbespots zu den zugehörigen Spielzeugfiguren eingesetzt wurde.

Die Anführer haben immer besondere Fähigkeiten

Peter Harms von der Universität von Nebraska, der die Untersuchung gemeinsam mit Seth Spain von der Binghamton-Universität im US-Bundesstaat New York initiiert hat, wollte die Studie zunächst vor allem aus einem Grund machen, sagt er: „Ich dachte, das macht bestimmt Spaß.“ Zudem interessiere sich sein sechsjähriger Sohn derzeit immer stärke für solche Serien. „Wie Kinder Führung lernen, beschäftigt mich, seit ich Kinder habe und beobachte, wie sie das bei ihren Klassenkameraden  ausprobieren“, sagt Harms. Dass Formate wie Transformers einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen können, weiß er auch von sich selbst: „Ich habe immer noch ein paar alte Transformers-Figuren zu Hause und sogar Ausschnitte aus den Originalpackungen, auf denen die jeweiligen Eigenschaften verzeichnet sind.“

Diese Kompetenzprofile über neun Fähigkeiten wie Mut, Stärke, Schnelligkeit, machten sich  die Forscher zunutze. Insgesamt 126 solcher Steckbriefe bezogen sie in ihre Auswertung ein und betrachteten zudem Äußerungen der Akteure in der Serie. Wie stark die Fähigkeiten über die Figuren variierten, bestimmten dabei die Führungsstile der Anführer der beiden verfeindeten Roboterlager.

Während Megatron, der Befehlshaber der bösen Decepticons, autoritär herrscht, glaubt Optimus Prime, der die guten Autobots anleitet, an das Gute. Er delegiert viele Aufgaben an seine Vertrauten, die im Schnitt etwas ranghöher sind als ihre am Ende immer unterliegenden Widersacher und sich in ihrem Status weniger stark unterscheiden. Die Botschaft dahinter, so Harms und Spain: Organisationen arbeiten effektiver, wenn die Macht verteilt wird und nicht nur den Zielen eines Individuums dient.

Die Guten siegen – weil sie stärker zusammenhalten

Beide Anführer sind besser ausgestattet als alle anderen Figuren, und das ist die zweite wichtige Lehre, die die Forscher ableiten:  Führungspersonen verfügen  über besondere Fähigkeiten, die im Idealfall auch die Gruppe als Ganzes voranbringen. Viel zu hoch im Vergleich zu den Ergebnissen realer Studien sei allerdings der hergestellte Zusammenhang mit hoher Intelligenz –  eine möglicherweise auch pädagogisch motivierte Übertreibung der Serienschreiber.

Dass auch die Art, wie Gefolgsleute sich verhalten, über Erfolg entscheidet, zeigen die  Transformers nach Analyse der Wissenschaftler ebenfalls. Positive Beispiele seien die tüchtigen Anhänger, immer fröhliche, enthusiastische Anhänger und sogenannte gute Bürger, die loyal gegenüber dem Anführer und seinen Mitstreitern sind. Als Beispiele negativer Gefolgschaft nennen die Forscher konforme Anhänger ohne eigene Meinung, eine Spezies, die im Lager der Autobots beispielsweise gar nicht vertreten ist. Außerdem treten in beiden Gruppen ungehorsame sowie inkompetente Anhänger auf.

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