„Ich gebe auf!“

24. Oktober 2007
 

Studienabbrecher unterscheiden sich in einigen Merkmalen von ihren weiterstudierenden Kommilitonen. Wo genau die Verschiedenheiten liegen, haben Ulrich Schiefele von der Universität Bielefeld und sein Team in einer aktuellen Studie untersucht.

Über einen Zeitraum von sechs Jahren befragten sie mehr als 1000 Studierende ihrer Universität regelmäßig zu ihrer Motivation, dem Interesse am Studienfach, ihrer Beurteilung der Lehrqualität und dem Einsatz von Lernstrategien. Als Studienabbrecher wurden dabei alle angesehen, die im Untersuchungszeitraum ihr Studium ohne Abschluss beendeten. In ihren Analysen berücksichtigten die Forscher auch, ob jemand früh oder spät das Handtuch warf, das heißt bis zum zweiten Semester oder erst danach.

Schiefele zufolge unterscheiden sich die Abbrecher bereits bei Studienbeginn von den Weiterstudierenden. Vor allem sind sie weniger motiviert und haben weniger Interesse am Studienfach. Stattdessen bringen sie eine stärkere Demotivation zum Ausdruck und stimmen eher Aussagen zu wie „Das Studium und was daraus wird ist mir ziemlich egal“. Sie sind mit den Lehrveranstaltungen nicht so zufrieden wie die Weiterstudierenden und werfen den Lehrenden vermehrt vor, in den Veranstaltungen inhaltlich nicht gut vorbereitet zu sein. – Doch auch sie sind beim Lernen schlechter organisiert und setzen seltener Lernstrategien ein.

Mit größerer Nähe zum Abbruchzeitpunkt werden diese Abweichungen immer deutlicher. Dabei fallen hauptsächlich die Spätabbrecher durch negative Werte bei den genannten Variablen auf, während die Frühabbrecher hingegen eher ihren weiterstudierenden Kommilitonen ähneln.

Schiefele glaubt, dass die Entscheidung zur vorzeitigen Beendung des Studiums bei beiden Gruppen auf verschiedenen Gründen beruht. Ein früher Abbruch könne demzufolge oft sogar als positiv angesehen werden, da die Studierenden aus ihrer Fehlentscheidung schnell Konsequenzen zögen und sich ohne großen Zeitverlust anderen Zielen zuwenden könnten.

Bei den Spätabbrechern vermutet Schiefele, dass sie trotz geringer Motivation und negativer Sicht der Lehre zunächst weiterstudieren, etwa weil sie auf eine Verbesserung der Situation hoffen oder davon ausgehen, mit der Zeit besser damit zurechtkommen. Eventuell fehlten ihnen auch Alternativpläne, oder sie stünden unter äußerem Druck, etwa durch die Eltern. Irgendwann werde die Lage dann aber unerträglich und ein Abbruch scheine unausweichlich.

Ein vorzeitiges Verlassen der Universität kostet nicht nur die Betreffenden Zeit und Geld, sondern auch die Hochschulen. Diese fordert Schiefele auf, eine umfassendere Beratung für die Studierenden anzubieten. Bereits vor Beginn des Studiums könne mit der Bereitstellung von ausführlicher Information dazu beigetragen werden, dass die Entscheidung für ein Studienfach auf einer fundierten Basis stehe.

Zudem könnten die Hochschulen mit fachbezogenen Leistungs- und Fähigkeitstests sowie Fragen zu Persönlichkeit und Motivation die Zahl der Fehlschläge verringern. Eine studienbegleitende Beratung könne negative Tendenzen frühzeitig aufspüren und die Aufnahme eines neuen Fachs erleichtern.

Von Anke Römer

Quelle: Ulrich Schiefele, Lilian Streblow, Julia Brinkmann: Aussteigen oder Durchhalten. Was unterscheidet Studienabbrecher von anderen Studierenden? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, Bd. 39/3, 2007, S. 127-140

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