Arbeiten jenseits der 67?

08. Juni 2012
 

Jetzt ist es amtlich: Nach Auswertung von fast 40.000 Datensätzen zeigt eine Studie der Universität Münster, dass ältere Arbeitnehmer motivierter und leistungsfähiger sind, als gemeinhin angenommen. Zudem sind sie teamorientiert, da sie sich nicht mehr auf die Karriere konzentrieren und ihr Wissen gerne an jüngere Kollegen weitergeben. Deshalb plädiert Studienleiter Guido Hertel für eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit deutlich über 67 Jahre – sofern es die Gesundheit zulässt.

„Verglichen mit unseren Vorfahren vor 100 Jahren haben wir durch den technischen Fortschritt im Durchschnitt 20 Lebensjahre geschenkt bekommen, noch dazu in deutlich besserer Gesundheit und Fitness. Aber was machen wir damit?", fragt er. Statt einfach nur die Phase des Ruhestands zu verlängern, sollte diese Zeit besser genutzt werden. „Damit kommen wir Berufstätigen entgegen, die sich mehr Flexibilität oder Unterbrechungen in der Mitte ihrer Karriere wünschen, beispielsweise für eine längere Elternzeit, eine zusätzliche Ausbildung oder ein Studium, oder eine lange Reise.“

So könnte man die besonders belastete Lebensphase zwischen 25 und 35 Jahren mit Karrierebeginn und Familienplanung entzerren. „Wenn man den Berufseinstieg nach hinten verschiebt, kann man den Beginn der Familiengründung noch als Lernphase nutzen. Ältere Arbeitnehmer, deren Kinder meist schon aus dem Haus sind, sind wieder flexibler und könnten wesentlich besser bei Auslandseinsätzen eingesetzt werden, als es heute jungen Familienvätern und -müttern zugemutet wird.“

„Gleichzeitig profitieren Unternehmen von der längeren Verfügbarkeit motivierter Mitarbeiter", betont Guido Hertel. 
„Ältere Menschen kennen sich selbst besser und können mit Emotionen bei der Arbeit besser umgehen als jüngere Berufstätige. Gängige Stereotype wie zum Beispiel, dass ältere Arbeitnehmer sich gegen Veränderungen wehren, können bei genauerem Hinsehen dagegen nicht bestätigt werden. Widerstände gegen Veränderungen hängen nicht mit dem Lebensalter an sich, sondern vielmehr mit dem Zeitraum zusammen, den ein Mitarbeiter an ein und demselben Arbeitsplatz zugebracht hat", erklärt Guido Hertel.

Das so genannte Generativitätsmotiv, also der Wunsch, eigenes Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, ist bei älteren Arbeitnehmern hoch ausgeprägt. „Das sind oft Mitarbeiter, die nicht mehr nur auf den eigenen Profit schauen, sondern das Große und Ganze im Blick haben und deshalb besonders wertvoll für ein Team sind", hat der Wirtschaftspsychologe beobachtet. Dieses Engagement für die Sache und für andere endet nicht automatisch mit dem 67. Lebensjahr.

„Gerade im Sinne einer Humanisierung der Arbeitswelt sollten wir die Chancen nutzen, die uns der demografische Wandel gibt. Das dient nicht nur einer besseren und gesünderen Lebensplanung des einzelnen, sondern auch der nachhaltigen Entwicklung der Unternehmen und unseres Wirtschaftsstandorts", sagt Guido Hertel.

Quelle: Westfälische Wilhelms-Universität Münster über idw

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