„Ist doch nur ein bisschen Speck“

03. Mai 2012
 

„Mein Kind ist doch nicht dick“ oder „Das ist doch nur Babyspeck“ sind Sätze, die häufig von Eltern mit übergewichtigen oder gar fettleibigen (adipösen) Kindern zu hören sind. Nach einer aktuellen Studie zur Teilnahme von Familien an einem Präventionsprogramm gegen Fettleibigkeit bei Kindern werden Eltern erst dann aktiv, wenn ihr Nachwuchs bereits adipös ist. Kindliches Übergewicht unterhalb der Adipositas wird meist noch nicht als Problem erkannt.

In der Studie am Universitätsklinikum Leipzig wurden das Familienumfeld und die Beweggründe der Eltern für oder gegen eine Teilnahme an dem Präventionsprogramm untersucht. Dieses Hilfsangebot ist konzipiert für übergewichtige oder adipöse Kinder zwischen 4 und 17 Jahren. Speziell geschulte „Präventionsmanager“ (Psychologen und Ernährungswissenschaftler) beraten die Familien telefonisch zu gesunder Ernährung und Bewegung und gehen auf individuelle Probleme ein.

Familien, die an dem Programm teilnahmen, wurden verglichen mit solchen, die angesprochen worden waren, sich aber gegen eine Teilnahme entschieden hatten. Der Anteil „nur“ übergewichtiger, aber noch nicht adipöser Kinder war mit 62 Prozent in den Familien, die nicht an dem Programm teilnahmen, höher als bei den teilnehmenden Familien (41 Prozent). Doch bei den Teilnehmern waren 59 Prozent der Kinder bereits adipös, also stark fettleibig (gegenüber ebenfalls stolzen 38 Prozent bei den Nichtteilnehmern).

Diese Zahlen verdeutlichen laut den Autoren, dass das Präventionsprogramm zu spät wahrgenommen wird. „Familien, deren Kinder ‚nur‘ übergewichtig sind, haben offenbar weniger Problembewusstsein als Eltern von bereits adipösen Kindern“, erläutert die Leiterin der Untersuchungen, Susann Blüher. Mit dem Programm habe man aber eigentlich Eltern erreichen wollen, deren Kinder zwar übergewichtig, aber noch nicht fettleibig sind – eben „um einer übermäßigen Gewichtszunahme und somit einer Adipositas vorzubeugen“.

Auffällig war außerdem, dass Familien mit übergewichtigen Töchtern häufiger und früher an dem Programm teilnahmen als solche mit Söhnen. So waren die teilnehmenden Mädchen im Mittel 8,8 Jahre, die Jungen aber bereits 10,4 Jahre alt. Offenbar empfinden Eltern Speckpolster bei Mädchen eher als problematisch als bei Jungen.

Die hauptsächlich angeführten Gründe, warum Familien nicht an dem Präventionsprogramm teilnehmen wollten, waren die Überzeugung, dass man bereits gesund genug lebe oder das eigene Kind nicht übergewichtig sei. Genannt wurden außerdem Zeitmangel oder die Teilnahme an anderen Programmen. Manche Eltern gaben auch an, ein gesunder Lebensstil sei schlicht zu teuer.

Die Vorstellung einiger Mütter und Väter, auch ohne Ratschläge bereits gesund zu essen, stand häufig im Widerspruch zu den Angaben zur Ernährung. So fiel gerade bei diesen Familien häufiger das Frühstück aus, und die Mahlzeiten waren unregelmäßig. Gründe für die Teilnahme waren eine bereits vorliegende Adipositas beim Kind und auch die Einsicht der Eltern, dass sie gegen ihr eigenes Übergewicht angehen müssen.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie, so Blüher, sei deshalb, „Präventionsprogramme zu entwickeln, die die Betroffenen auch wirklich erreichen. In den Familien muss erst ein Bewusstsein für die negativen Folgen von Übergewicht geschaffen werden.“ Solche Programme seien wichtiger denn je, da rund 80 Prozent der übergewichtigen Kinder auch als Erwachsene dick bleiben. Immer häufiger treten außerdem schon bei Kindern und Jugendlichen Erkrankungen wie Diabetes, orthopädische und Herz-Kreislauf-Beschwerden auf, die mit starkem Übergewicht zusammenhängen.

Weitere Informationen zu dem Präventionsangebot unter www.taff.crescnet.org.

Quelle: Universität Leipzig via idw
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