Kinder sind keine Nomaden

23. September 2016
 

Unsere karrierefixierte Gesellschaft wird nicht müde, die Segnungen der „Mobilität“ zu preisen: Flexibel und beweglich sei der Mensch, jederzeit bereit, für eine attraktive berufliche Herausforderung seine Zelte abzubrechen und mit Kind und Kegel an einen anderen Ort zu ziehen. Doch welche Bürde man den Kindern damit unter Umständen auflädt, hat nun eine Bevölkerungsstudie in Dänemark aufgedeckt.

Das britisch-dänische Forscherteam um Roger Webb von der University of Manchester hat den Werdegang von 1,4 Millionen Dänen von der Geburt an bis in die frühen vierziger Lebensjahre nachverfolgt. Anhand von nationalen Datenbanken konnten die Forscher so genau, wie dies in keinem anderen Land möglich gewesen wäre, die Einschnitte auf deren Lebensweg rekonstruieren. Sie zählten nach, wie oft eine Person in Kindheit und Jugend mit ihrer Familie den Gemeindewohnort gewechselt hatte. Und sie ermittelten ferner, ob diese Person in späteren Jahren einen Suizid versucht hatte, gewalttätig, psychisch krank oder drogenabhängig geworden oder aus natürlicher oder nichtnatürlicher Ursache verstorben war.

Das Resultat: Ein Umzug als Heranwachsender erhöhte das Risiko für jede dieser Kategorien. Dabei stellten die Forscher eine „robuste Dosis-Wirkungs-Beziehung“ fest: Je häufiger die Betreffenden mit ihrer Familie umgezogen waren, desto höher war ihr Risiko für jede dieser unerfreulichen Entwicklungen. Mehrfache Wohnortwechsel waren also risikobehafteter als ein einzelner Umzug. Und zog eine Person sogar innerhalb eines einzigen Jahres mehrfach um, so stieg bei ihr die Wahrscheinlichkeit, delinquent zu werden, sprunghaft an. Das Risiko, sich später das Leben nehmen zu wollen, war umso größer, je älter die Kinder zur Zeit des Umzugs waren; am gefährdetsten waren Adoleszente, die im Alter zwischen 12 und 14 mehrfach ihren Wohnort und damit die Schule und den Freundeskreis wechseln mussten. All diese Umzugsrisiken trafen Kinder sämtlicher Bildungs- und Sozialschichten.

Es scheint also nicht spurlos an Heranwachsenden vorüberzugehen, wenn ihnen immer wieder die Wurzeln gekappt werden. Schulen und Sozialeinrichtungen sollten sich gezielt um neu zugezogene Kinder kümmern, fordern die Untersucher.

Thomas Saum-Aldehoff 

DOI: 10.1016/j.amepre.2016.04.011

 

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