Große Erwartungen

29. September 2016
 

Es ist eine Zwickmühle in Beziehungen: Sollte man von der Partnerschaft das Optimum erwarten und sich dann dafür ins Zeug legen? Oder ist es klüger, den Ball flachzuhalten? Die salomonische Antwort des Psychologen James McNulty: Es kommt drauf an.

Knirscht es zwischenmenschlich schon ordentlich, dann führen hohe Ansprüche tiefer in den Keller. Ist das Fundament hingegen stabil, treiben hohe Erwartungen das romantische Bündnis weiter zur Blüte.

Der Forscher von der Florida State University befragte 135 frischverheiratete Paare. Alle Beteiligten gaben unabhängig voneinander an, was sie von ihrer Ehe erwarteten, etwa hinsichtlich Unterstützung, Beistand, Unabhängigkeit und Zweisamkeit. McNulty erkundigte sich zudem nach Problemen in der Beziehung: Kann der Partner schlecht mit Geld umgehen, nerven die Schwiegereltern, gibt es Probleme im Bett? Außerdem filmte der Wissenschaftler die Vermählten bei Diskussionen, um auch unterschwellige Aversionen zu entdecken. Alle sechs Monate wiederholte der Psychologe das Prozedere, über einen Zeitraum von vier Jahren.

Wer viel erwartet, wird auch eher enttäuscht

Die Auswertung zeigte: In instabilen Beziehungen beschleunigen hohe Standards den Verfall der Partnerschaft. Denn die Beteiligten merken früher oder später, dass sie ihre Erwartungen nicht erfüllen können. Und das schafft Frust. Wer hohe Maßstäbe an seine Beziehung anlegt, muss auch mehr dafür tun, doch dafür fehlen dann oft die Fähigkeiten.

Klaus Wilhelm/AB

 

James K. McNulty: Should spouses be demanding less from marriage? A contextual perspective on the implications of interpersonal standards. Personality and Social Psychology Bulletin, 42/4, 2016, 444–457. DOI: 10.1177/0146167216634050 (Abstract)

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Oktober-Ausgabe von Psychologie Heute erschienen, Titelthema: Das stille Ich. Warum Zurückhaltung oft ein Vorteil ist

Mehr zum Thema Liebe und Partnerschaft finden Sie in unserem aktuellen Compact-Heft Wie geht Beziehung. Von der Herausforderung, im Alltag die Liebe nicht aus den Augen zu verlieren

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