Abhängig vom Handy?

23. Januar 2014
 

Eine neue App erlaubt es Smartphone-Nutzern, ihren Umgang mit dem Handy zu messen. Wer sie installiert, kann damit sehen, wie viel Zeit er täglich mit dem Telefon verbringt und welche Anwendungen er am häufigsten verwendet.

Informatiker und Psychologen der Universität Bonn haben die App mit dem Namen Menthal entwickelt. Sie ist Teil eines größeren Forschungsvorhabens zur Untersuchung des Handygebrauchs. Die wichtigsten Kerndaten der Nutzer werden anonymisiert an einen Server übermittelt, wo die Wissenschaftler sie auswerten.

Die meisten Studien zum Handygebrauch verlassen sich bis jetzt auf die Selbsteinschätzung der Nutzer. Diese Angaben sind aber unzuverlässig. „Menthal liefert zum ersten Mal belastbare Daten“, betont Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn. „Die App kann uns detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfällt.“

Und der ist hoch: In einer bislang unveröffentlichten Studie haben die Forscher mithilfe von Menthal das Telefonverhalten von 50 Studenten über einen Zeitraum von sechs Wochen untersucht. „Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend“, kommentiert der Psychologe Christian Montag von der Universität Bonn. So nutzte ein Viertel der Probanden sein Telefon mehr als zwei Stunden pro Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Telefon – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus.

Doch wieso tippten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen alle paar Minuten auf ihrem Smartphone herum? Zum direkten Gespräch, so stellte sich heraus, gebrauchten sie es selten: Der typische Nutzer telefonierte lediglich acht Minuten am Tag und schrieb 2,8 SMS. Der Hauptnutzen des Telefons lag dennoch in der Kommunikation: Mehr als die Hälfte der Zeit verwendeten die Probanden Messenger oder tummelten sich in sozialen Netzwerken. Alleine der Messenger-Dienst WhatsApp schlug mit 15 Prozent zu Buche, Facebook mit neun Prozent. Spiele brachten es auf 13 Prozent, wobei einige Probanden mehrere Stunden am Tag spielten.

Das Hauptinteresse der Bonner Forscher gilt dem problematischen Handygebrauch. „Wir wollen wissen, wie viel Mobiltelefon-Konsum normal ist und ab wann von einem Zuviel zu sprechen ist“, erläutert Christian Montag. Das Nutzen eines Handys ähnele dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten – deswegen werde das Telefon so oft angeschaltet.

Bei dieser möglichen neuen Sucht handele es sich noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung. „Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann“, sagt Montag. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. „Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen.“

Die App entstand im Rahmen einer breiteren Initiative, Methoden der Informatik in die Psychologie zu tragen – die Wissenschaftler sprechen auch vom neuen Forschungsfeld der Psycho-Informatik. In einer aktuellen Publikation in der Zeitschrift Medical Hypothesis  erläutern sie, inwiefern Psychologie und Psychiatrie von den damit verbundenen Möglichkeiten profitieren könnten. „Es ist beispielsweise denkbar, Handydaten dazu zu nutzen, um Schwere und Verlauf einer Depression zu messen“, erläutert Montag.

Depressionen äußern sich unter anderem in sozialem Rückzug und der Unfähigkeit, sich an Aktivitäten zu erfreuen. Die Krankheit verläuft oft episodisch. Die Forscher vermuten, dass sich während einer depressiven Phase die Handynutzung messbar ändert. Der Kranke ruft dann beispielsweise weniger oft jemanden an und geht seltener vor die Tür – eine Verhaltensänderung, die Smartphones dank GPS ebenfalls registrieren können. Ein Psychiater könnte das Handy seiner Patienten also als Diagnoseinstrument nutzen und gegebenenfalls frühzeitig gegensteuern. „Das geht natürlich nur unter strikter Beachtung des Datenschutzes und nach Einwilligung der Erkrankten“, betont Markowetz.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn via idw

 

Hier geht’s zur App:

Die App Menthal kann kostenlos aus dem Google Playstore oder unter http://www.menthal.org heruntergeladen werden. Erforderlich ist das Betriebssystem Android 4.0 oder höher.

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