Kuscheln statt Sex

09. Januar 2015
 

Senioren haben vergleichsweise wenig Sex. Frustriert sind sie deshalb aber offenbar nicht. Auch im höheren Lebensalter bleibt die sexuelle Zufriedenheit stabil. Eine größere Bedeutung als Erotik hat im Alltag älterer Männer und Frauen die Zärtlichkeit, berichten Wissenschaftler aus Rostock und London. Die Soziologin Britta Müller von der Universitätsmedizin Rostock und ihre Kollegen veröffentlichten ihre Arbeit vor Kurzem in der Fachzeitschrift PlosOne.

Müller und ihre Mitstreiter werteten Daten von Teilnehmern der bevölkerungsbasierten "Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters" (ILSE) aus. Seit 1993 werden darin individuelle, soziale und ökonomische Bedingungen gesunden Alterns erforscht. Bei den drei Befragungen sprachen die Teilnehmer unter anderem über Sexualität und körperliche Nähe. Die 194 Männer und Frauen waren zum Zeitpunkt der Erhebung 63, 67 und 74 Jahre alt und lebten in stabilen Partnerschaften.

Die Auswertung zeigte, dass die Senioren über den Studienverlauf von zwölf Jahren stabile sexuelle Zufriedenheitswerte zu Protokoll gaben. Das mag überraschen. Schließlich ist der Stand der Forschungsliteratur: Hormonelle und physische Veränderungen führen dazu, dass sich die sexuelle Aktivität mit dem Alter verringert.

Weniger Sex, aber gleichbleibende Zufriedenheit – was erklärt diese Diskrepanz? Nach Ansicht von Britta Müller und ihren Forscherkollegen gelingen Menschen in langjährigen Partnerschaften psychische Anpassungsprozesse besonders gut. In den Jahrzehnten des Zusammenseins kann eine gegenseitige Nähe und Wertschätzung wachsen. Dieses Gefühl der Wertschätzung mildert, so vermuten die Wissenschaftler, die Auswirkungen körperlicher Veränderungen ab. Gerade weil man sich so gut kennt, kann man sich gemeinsam daran anpassen. Wie die Wissenschaftler jedoch auch zeigten, zieht sich diese Anpassung bei Männern über einen längeren Zeitraum hin als bei Frauen.

Von größerer Bedeutung als Sexualität war für die Befragten Zärtlichkeit: "So räumten im Alter von 74 Jahren 91 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen Zärtlichkeit einen wichtigen Platz in ihren Partnerschaften ein", sagt Müller. Sexualität hingegen spielte nur für 61 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen eine bedeutende Rolle. "Viele alternde Paare versuchen durch Streicheln, Schmusen, Kuscheln, mitunter auch ritualisiert in Form des morgendlichen beziehungsweise abendlichen Kusses oder des Händchenhaltens beim Spazierengehen, dem wachsenden Bedürfnis gerecht zu werden, sich der gegenseitigen körperlichen Nähe zu versichern", sagt Müller.

Hierin liege auch der Schlüssel für die Partnerschaftszufriedenheit im Alter. Von fünf untersuchten Aspekten – Bildungsgrad, physischer Gesundheitszustand, Dauer der Partnerschaft, Bedeutung von Sexualität sowie von Zärtlichkeit – erweist sich nur der letzte Punkt, die Zärtlichkeit, als relevant für die Zufriedenheit mit der Partnerschaft.

Via idw
Britta Müller u. a.: Sexuality and affection among elderly German men and women in long-term relationships: Results of a prospective population-based Study. PLOSONE, 9/11, 2014, e111404 (Volltext)
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