Langeweile macht kreativ

18. Januar 2013
 

Mag sein, dass man mit der Zeit verblödet, wenn man tagein, tagaus immer nur denselben Routinekram erledigen muss und sich dabei tierisch langweilt. Erwiesen ist das aber nicht. Zumindest kurzfristig scheint Langeweile nämlich genau den entgegengesetzten Effekt zu haben: Je fader die Aufgabe in der Außenwelt, desto stärker das innere Aufbäumen gegen die Ödnis des Immergleichen. Langeweile beflügelt unsere Fantasie und steigert unsere Kreativität. Zu diesem Schluss kommen Sandi Mann und Rebekah Cadman von der University of Central Lancashire in zwei Studien, die sie jetzt auf einer Tagung der britischen Arbeitspsychologen in Chester vorstellten.

40 Versuchspersonen wurden eine Viertelstunde lang mit der Sisyphosaufgabe gequält, Nummern aus einem Telefonbuch abzuschreiben. Diese Monotoniemarter hatte nun aber eine erstaunliche Wirkung: Der vernachlässigte Geist schien hernach geradezu nach Betätigung zu lechzen. Denn als die Teilnehmer in einem anschließenden Kreativitätstest sich möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für ein Paar von Styroporbechern einfallen lassen sollten, sprudelten die Ideen. Die soeben der Langeweile entronnenen Probanden schnitten bei der Aufgabe jedenfalls signifikant besser ab als eine Vergleichsgruppe von Teilnehmern, die den Test einfach so absolvierten, ohne zuvor mit dem Telefonbuchjob behelligt worden zu sein.

Offenbar tritt ein Sättigungseffekt ein, wenn unser Bewusstsein zu lange mit einer Arbeit betraut wird, die ihm keine neuen Eindrücke und Erkenntnisse beschert. Es schickt dann die Gedanken auf Wanderschaft und versucht auf diese Weise, die Dürre an äußerer Stimulation aus dem Inneren heraus zu kompensieren, durch einen fruchtbaren Strom von Ideen und Fantastereien. Wenn von außen nichts Neues kommt, erschaffen wir es uns eben selbst.

In ihrem zweiten Experiment konnten die beiden Psychologinnen denn auch bestätigen, dass eine langweilige Aufgabe vor allem dann der Kreativität zugutekommt, wenn uns diese Tätigkeit den Raum lässt, dabei unseren Tagträumen nachzuhängen. Wiederum kam das bewährte Telefonbuch zum Zuge. Doch diesmal bildeten die Forscherinnen zusätzlich noch eine Gruppe von besonders unterforderten Probanden. Sie durften die Telefonnummern noch nicht einmal abschreiben, sondern hatten lediglich die Aufgabe, sie zu lesen. Und tatsächlich: Die Telefonnummernleser schnitten im anschließenden Kreativitätstest noch besser ab als die Telefonnummerntranskribierer. Die Forscherinnen führen das darauf zurück, dass erstere Aufgabe den Teilnehmern noch mehr Raum zum innovativen Tagträumen ließ.

Das brachte die beiden Britinnen auf einen ketzerischen Gedanken: Erscheinungen des Erwerbslebens wie etwa Meetings oder Betriebsversammlungen, die ob ihres Eintönigkeitspotenzials allgemein gefürchtet werden, sind der Arbeitskreativität und damit Produktivität vielleicht gar nicht so abträglich. Schließlich bieten Sitzungen dieser Art eine erstklassige Gelegenheit zum ausschweifenden Tagträumen.

„Langeweile wurde immer als etwas betrachtet, das es am Arbeitsplatz zu eliminieren gilt“, führt Sandi Mann diese Überlegung weiter. „Doch vielleicht sollten wir sie willkommen heißen, um unsere Kreativität anzukurbeln.“ Ob das auch in der Praxis funktioniert, wollen die beiden Forscherinnen nun ernsthaft überprüfen. Ausgangsfrage: „Werden Beschäftigte, die sich bei ihrer Arbeit langweilen, origineller in ihrem Betätigungsfeld – oder gehen sie nach Hause und schreiben einen Roman?“

Quelle: British Psychological Society via ScienceDaily

Lesen Sie zum Thema Tagträumen auch den Psychogie-Heute-Beitrag „Ich bin dann mal kurz weg“ von Heiko Ernst.

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