Lesen schützt vor Depression

20. April 2011
 

„Lies doch lieber ein gutes Buch!“ So abgedroschen der elterliche Rat klingen mag und so wirkungslos er bei heutigen Jugendlichen meist verpufft – er ist berechtigt wie eh und je. Denn: Bücherlesen erweitert nicht nur den Horizont, es schützt auch vor Depressionen, die oft schon in der Adoleszenz beginnen. Exzessives Musikhören hingegen ist ein Risikofaktor für Schwermut in jungen Jahren, wie jetzt Forscher der Universität von Pittsburgh herausgefunden haben.

Das Team hielt über zwei Monate hinweg an fünf Wochenenden ständigen Kontakt mit 106 Jugendlichen, von denen 46 an einer klinischen Depression litten. 60 Mal riefen die Untersucher in unregelmäßigen Intervallen jeden und jede der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an und fragten sie, ob sie gerade in diesem Augenblick einer der folgenden Tätigkeiten nachging: Fernsehen oder einen Film gucken, Musik hören, ein Videospiel datteln, im Internet surfen, in einer Zeitschrift oder Zeitung blättern, ein Buch lesen. Dann wurde für jeden Teilnehmer ausgezählt, wie häufig er welches Medium genutzt hatte. Den Einfluss von Alter, Geschlecht und Herkunft rechneten die Wissenschaftler bei ihrer Datenanalyse heraus – die Befunde spiegelten also einzig die Wirkung der verschiedenen Medien.

Zwei Ergebnisse stachen ins Auge: Erstens waren diejenigen Mädchen und Jungen, die in ihrer Freizeit sehr oft Musik hörten, mit mehr als achtmal so hoher Wahrscheinlichkeit depressiv als diejenigen, die nur selten Musik hörten. Zweitens waren unter denjenigen Jugendlichen, die die Forscher häufig beim Bücherlesen angetroffen hatten, nur ein Zehntel so viele Depressive wie unter denjenigen, die nur ganz selten oder nie einen Roman oder ein Sachbuch in die Hand genommen hatten. Die restlichen Medien hatten hingegen keinen bedeutsamen Einfluss darauf, wie depressionsgefährdet die Heranwachsenden waren.

Was die Verbindung von Musik und Depression angeht, so sind sich die Forscher noch nicht ganz sicher, was Henne und Ei ist. „Momentan ist noch ungeklärt, ob depressive Menschen mehr Musik hören, um ihrer Schwermut zu entkommen, oder ob exzessives Musikhören depressiv machen kann – oder beides“, sagt Studienleiter Brian Primack. Intuitiv sollte man annehmen, dass Musikhören einen Menschen eher beschwingt und fröhlich als depressiv und niedergeschlagen stimmt. Das muss aber nicht so sein, wie der Psychologe Changiz Mohiyeddini, der heute an der Roehampton University in London lehrt, schon vor einigen Jahren ermittelt hat. Er stellte fest, dass manche Menschen in trauriger Stimmung bewusst traurige Musik auflegen. Sie hören also nicht deshalb Musik, weil sie sich aus ihrer Niedergeschlagenheit befreien wollen, sondern um in der Musik Resonanz für ihre Melancholie zu finden. Offenbar tröstet es sie, wenn sie ihre Stimmung in der Musik gespiegelt finden, also wenn Innenwelt und Außenwelt emotional im Lot sind. Wer hört schon gerne Schunkellieder, wenn er sich richtig mies fühlt?

Die positive Überraschung der neuen Studie aus Pittsburgh ist, wie deutlich Bücherlesen als Depressionsschutz wirkt. Dieses Resultat widerspricht nachdrücklich dem Vorurteil vom verschüchterten und vereinsamten Bücherwurm, der sich in eine Scheinwelt flüchtet, weil er im realen Leben keine Freunde findet. Offensichtlich ist das Gegenteil der Fall: Bücher vermitteln eher Lebensmut als Lebensflucht. Das, meint Primack, kann man angesichts der Bücher- und Leseverdrossenheit nicht nur unter amerikanischen Jugendlichen gar nicht genug hervorheben.

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: EurekAlert, Illustration: Ludvik Glazer-Naudé

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