Liebe macht stark

15. Mai 2014
 

"Lieben heißt einen Ausweg finden", sagte der deutsche Schriftsteller Walter Hasenclever. Schöne Worte – an denen wohl etwas dran ist. Das haben jetzt Psychologen der Universitäten Jena und Kassel herausgefunden. Neurotische Menschen profitieren demnach in besonderem Maße von einer romantischen Partnerschaft: Während einer Liebesbeziehung werden sie emotional stabiler, ihre Persönlichkeit festigt sich.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich bei ihrer Untersuchung auf Neurotizismus – eine der Eigenschaften, die Psychologen zu den fünf Grunddimensionen der Persönlichkeit zählen. "Neurotische Menschen sind eher ängstlich, unsicher und schnell reizbar, sie neigen zu Depressionen, haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl und sind oft unzufrieden mit dem Leben", erklärt die Studienautorin Christine Finn. "Doch nun konnten wir zeigen, dass sie während einer Liebesbeziehung emotional stabiler werden und sich ihre Persönlichkeit festigt", sagt die Psychologin von der Uni Jena.

Die Wissenschaftler begleiteten 245 Paare im Alter zwischen 18 und 30 Jahren neun Monate lang und befragten die jeweiligen Partner alle drei Monate getrennt voneinander. Mittels eines Onlinefragebogens ermittelten die Forscher den Grad des Neurotizismus sowie die Zufriedenheit der Teilnehmer mit ihren Beziehungen. Zudem mussten die Probanden fiktive Alltagssituationen und ihre mögliche Bedeutung für die eigene Partnerschaft bewerten. "Dieser dritte Teil war entscheidend, denn neurotische Menschen verarbeiten Umwelteinflüsse anders", berichtet Finn. So reagieren sie stärker auf negative Reize und neigen dazu, mehrdeutige Situationen negativ anstatt positiv oder neutral zu interpretieren.

Die Forscher stellten nun fest, dass diese Tendenz während einer Liebesbeziehung schrittweise abnimmt. Einerseits stärkten sich die Partner gegenseitig, so Christine Finn. Doch die entscheidende Rolle spiele die kognitive Ebene, das heißt die innere Gedankenwelt eines Menschen. "Die positiven Erfahrungen und Emotionen mit dem Partner verändern die Persönlichkeit nicht direkt, sondern indirekt – durch die Veränderung der Denkstrukturen und der Wahrnehmung von vermeintlich negativen Situationen", meint Finn. Vereinfacht gesagt: Die Liebe hilft, zuversichtlicher durch das Leben zu gehen und nicht mehr so schnell den Teufel an die Wand zu malen.

Diesen Effekt konnten die Wissenschaftler sowohl bei Männern als auch bei Frauen beobachten. "Natürlich reagiert jeder Mensch unterschiedlich stark und eine lange, sehr glückliche Beziehung wirkt sich mehr aus als eine kurze", sagt Franz Neyer, Koautor der aktuellen Veröffentlichung. "Doch ganz allgemein lässt sich sagen: Junge Erwachsene, die eine Beziehung eingehen, können nur gewinnen!"

Für Christine Finn enthalten die Ergebnisse noch eine andere positive Botschaft – nicht nur für Menschen mit neurotischen Zügen, sondern auch für Menschen, die unter Depressionen oder Angststörungen leiden. Zwar lasse sich die Persönlichkeit nur schwer umformen, doch die Untersuchung bestätigte: "Negatives Denken lässt sich abtrainieren!", so die Jenaer Psychologin.

Quelle: Universität Jena via idw
Originalarbeit: Christine Finn u. a.: Recent decreases in specific interpretation biases predict decreases in neuroticism. Evidence from a longitudinal study with young adult couples. Journal of Personality, 2014. DOI: 10.1111/jopy.12102 (Abstract)

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