London calling: Nur Olympia lockt Zuschauerinnen
Sportlich haben Frauen in den vergangenen Jahrzehnten enorm aufgeholt. Nachdem sie erst 1928 bei den Olympischen Spielen ihr noch zaghaftes Debüt in wenigen Sportarten gegeben haben, sind sie jetzt in London in fast allen „Männerdisziplinen“ vertreten – mit Ausnahmen wie dem 50-Kilometer-Gehen oder dem Zehnkampf. Als Zuschauerinnen von Sportereignissen haben Frauen allerdings noch erheblichen Nachholbedarf: Selbst Events wie internationale Fußballturniere der Frauen erreichen bei weiblichen Zuschauern nur bescheidene Einschaltquoten.
Olympia hingegen steht bei Frauen vergleichsweise hoch im Kurs. Das haben Erin Whiteside von der University of Tennessee und Marie Hardin von der Pennsylvania State University in einer Studie ermittelt, die jüngst im Fachmagazin Communication, Culture & Critique (4/2, 2012) erschien. Die Forscher versammelten Frauen im Alter zwischen 23 und 46 Jahren in kleinen „Fokus“-Grüppchen an einem Tisch. Dort tauschten sie sich dann 90 Minuten lang lebhaft darüber aus, welche Art von Sport sie sich gerne anschauten, und welche sie gar nicht antörnten.
Die Olympischen Spiele schnitten dabei im Vergleich zu anderen Sportveranstaltungen gut ab. Die Forscherinnen führen das vor allem darauf zurück, dass Spitzensport hier komprimiert in kleinen Häppchen dargeboten wird: Oft ist ein Wettbewerb wie etwa ein Kurzstreckenlauf in wenigen hochdramatischen Minuten entschieden. Dann kann frau die Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zuwenden, zum Beispiel – das Klischee scheint hier noch zuzutreffen – der Hausarbeit oder den Kindern. Jedenfalls mögen Frauen die kompakte Präsentation bei Olympia.
Ein weiterer Grund, warum Frauen sich für Olympische Spiele eher als für andere Sportpräsentationen erwärmen können, liegt im Eventcharakter der Veranstaltung: Olympia ist ein Ereignis, über das man spricht, in den Medien und auch im Bekanntenkreis. Und Dinge, über die man sich austauschen kann, wirken auf Frauen bekanntlich attraktiv.
Was die Disziplinen angeht, die Frauen (zumindest die amerikanischen Versuchsteilnehmerinnen) sich gerne anschauen, haben 100 Jahre Emanzipation keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Die Diskussionsteilnehmerinnen begeisterten sich wie eh und je für „feminine“ Sportarten wie rhythmische Sportgymnastik, Synchronschwimmen oder im Winter Eiskunstlauf. Kampforientierte Wettbewerbe wie Basket-, Hand- oder Wasserball wirkten hingegen eher abschreckend, auch (oder gerade?) wenn sie von Frauen betrieben werden. Einzig Tennis fand Anklang.
Was die patriotische Seite des Sports angeht, stehen laut der US-Studie die Frauen nicht zurück. Wie auch den Männern ist ihnen wichtig, wie gut die Sportlerinnen und Sportler ihrer eigenen Nation bei den Olympischen Spielen abschneiden. Jeder schaut auf den Medaillenspiegel.
Und der steht eigentlich schon jetzt mehr oder weniger fest, wenn man Ökonomen der Ruhr-Universität Bochum glauben darf. Julia Bredtmann, Carsten J. Crede und Sebastian Otten haben errechnet, dass China mit 102, die USA mit 100 und Russland mit 71 Medaillen die ersten drei Plätze einnehmen werden. Die Briten werden als Gastgeber mit 57 Medaillen besser als sonst dastehen, und auch Brasilien wird sich mit Blick auf die Spiele in Rio 2016 steigern. Das deutsche Team allerdings wird zwölf Prozent weniger Medaillen einfahren und – oje! – im Medaillenspiegel nur noch 36 Mal Gold, Silber oder Bronze vorweisen können. Das reicht gerade mal für Platz sieben, noch hinter Frankreich!
Ihr statistisches Modell haben die Bochumer Wirtschaftsforscher mit politischen, ökonomischen, demografischen und kulturellen Daten gefüttert. So wurden etwa Investitionen in die Spitzenforschung berücksichtigt, der Bevölkerungsreichtum des Landes, seine Wirtschaftskraft und ob das Klima optimale Trainingsbedingungen bietet. Bei den weiblichen Athleten wurde gesondert mitbemessen, dass Olympiateilnehmerinnen aus eher emanzipierten Staaten im Schnitt besser abschneiden als Frauen aus patriarchalisch geprägten Ländern.
Quellen: International Communication Association via EurekAlert, Universität Bochum via idw
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