Neurotische Männer bleiben oft kinderlos

23. August 2013
 

Männer mit „neurotischen“ Persönlichkeitszügen haben immer weniger Chancen auf Nachwuchs. Diesen Trend haben Forscher des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) bei einer großangelegten Analyse von Bevölkerungs- und Fragebogendaten in Norwegen ausgemacht.

Die Arbeitsgruppe um den Demografieforscher Vegard Skirbekk stellte fest, dass Männer mit hohen „Neurotizismus“-Werten im Persönlichkeitsfragebogen heute vergleichsweise weniger Kinder haben als Geschlechtsgenossen mit ähnlicher Persönlichkeitsruktur in früheren Generationen. Dieser Trend zeigte sich bei Männern, die nach 1957 geboren wurden.

Hoher „Neurotizismus“ kennzeichnet Menschen, die in stressigen Situationen wenig belastbar sind, sich rasch emotional überfordert fühlen, bei Konflikten oft eingeschnappt, gekränkt oder gereizt reagieren. Sie neigen zu exzessivem Grübeln, Angst und Niedergeschlagenheit.

Dass Männer mit diesen Persönlichkeitszügen heute schlechtere Fortpflanzungschancen haben, könnte laut Skirbekk mit einem anderen, in westlichen Gesellschaften seit langem zu beobachtenden Trend zu tun haben: Paare schieben ihren Kinderwunsch immer länger auf und leben erst einmal für etliche Jahre zusammen, ehe sie ihn realisieren. Die Partnerinnen haben also länger als früher Zeit, den potenziellen Vater ihrer Kinder im gemeinsamen Alltag zu studieren – und sich im Zweifel dagegen zu entscheiden, mit diesem Mann Kinder zu haben. Da von Vätern heute erwartet wird, dass sie sich bei der Kinderbetreuung stärker einbringen, scheint es logisch, dass sie von ihren Partnerinnen auch in dieser Hinsicht auf ihre Eignung hin per Langzeitbeobachtung begutachtet werden.

Das internationale Forschungsinstitut griff bei ihrer Studie auf Daten aus Norwegen zurück, weil dort die Einträge in Geburtsregistern umfassend mit den Befunden großer Bevölkerungsumfragen verknüpft werden können, in denen auch Persönlichkeitsfragebögen eingesetzt werden. Skirbekk hält es aber für wahrscheinlich, dass die Ergebnisse auch auf andere Länder übertragbar sind, denn Norwegen sei in Sachen Familiendynamik oft Vorreiter: „Viele Trends, die in Norwegen zuerst beobachtet wurden – etwa Zusammenleben ohne Trauschein oder steigende Scheidungsraten – wurden später auch in vielen anderen Teilen der Welt registriert.“

Wie die IIASA-Forscher ferner feststellten, haben neben Neurotizismus auch andere Persönlichkeitszüge Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Nachwuchs. So haben extravertierte Männer im Schnitt mehr Kinder als introvertierte. Und Frauen mit hoher Ausprägung des Persönlichkeitszugs „Gewissenhaftigkeit“ (Fleiß, Disziplin, Zielstrebigkeit) haben tendenziell weniger Kinder. Diese Befunde sind allerdings generationenübergreifend, also kein Produkt der heutigen Zeit.

TSA

V. Skirbekk, M. Blekesaune: Personality traits increasingly important for male fertility: Evidence from Norway. European Journal of Personality, 2013, DOI: 10.1002/per.1936
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