Nicht in der Stimmung?

19. August 2016
 

Will sie Sex, oder hat sie keine Lust? Das fragen sich Männer recht häufig. Allerdings liegen sie in romantischen Beziehungen mit ihrer Antwort oft falsch. Aber anders als man denken könnte. Sie unterschätzen nämlich das Interesse ihrer Partnerin an Sex. Das hat die Psychologin Amy Muise von der Universität von Toronto am Standort Mississauga gezeigt.

Die intimen Wünsche des Partners zu erkennen, ist sowohl für Männer als auch für Frauen schwierig, meint Amy Muise. Im Alltag gelinge es zwischen Job, Haushalt und Kindererziehung oft nicht, subtile Sex-Signale sowohl wahrzunehmen als auch richtig zu deuten. Fehlinterpretationen sind dabei mit Kosten verbunden, sagt die Psychologin. Übersieht man Hinweise, hat man weniger Sex, als man haben könnte. Überschätzt man das Interesse des anderen, wird man zurückgewiesen. Und das kratzt dann am Ego.

Amy Muise befragte für ihre Studie mehr als 200 Paare aus Kanada. Besonders aufschlussreich war eine Teiluntersuchung, für die 88 heterosexuelle Männer und Frauen drei Wochen lang jeden Abend sowohl ihre eigene Lust notierten als auch das Verlangen ihrer Liebsten einschätzten. Die Psychologin konnte so den vermuteten Wunsch nach Sex mit dem tatsächlichen Interesse des Partners abgleichen.

Während die Frauen ihre Gefährten relativ gut einschätzten, taten sich die Männer sehr viel schwerer. Tatsächlich unterstellten sie ihren Partnerinnen an vielen Tagen ein geringeres Begehren, als diese selbst empfunden hatten.

Beim Flirten läuft es anders

Die Befunde überraschen vor allem deshalb, weil frühere Studien scheinbar Gegenteiliges belegt hatten. Beim ersten Treffen nämlich deuten Männer viel zu oft neutrale Signale fälschlicherweise als sexuelles Interesse. Das ist, aus der Perspektive der Evolutionstheorie, auch sinnvoll. Denn die Chance, die eigenen Gene weiterzugeben, ist für Männer höher, wenn sie offensiv flirten. Ab und zu einen Korb zu bekommen, wäre demnach ein hinnehmbarer Kollateralschaden.

Was also könnte in Beziehungen anders sein? Gut belegt ist, dass Männer im Durchschnitt ein höheres Interesse an Sex haben als Frauen. Sie denken öfter über Geschlechtsverkehr nach und eruieren dabei ihre Chancen. Zugleich scheint es aber unangenehmer zu sein, von der Partnerin von der Bettkante gestoßen zu werden als von einer Fremden.

Amy Muise fand in einer weiteren Teilstudie einen aufschlussreichen Zusammenhang. Besonders stark unterschätzten Männer das Interesse ihrer Liebsten an jenen Tagen, an denen es um ihr Selbstwertgefühl ohnehin nicht zum Besten bestellt war, sie aber Sex wollten. Im Zweifelsfall war es ihnen dann wichtiger, eine Abfuhr zu vermeiden. Dazu passt, dass, wie frühere Studien belegt haben, die Zurückweisung durch den Partner die emotional schmerzhafteste Form der Ablehnung ist. Frauen geht es, so Muise, prinzipiell ähnlich. Nur denken sie im Durchschnitt eben nicht ganz so häufig über Sex nach wie Männer.

Übrigens: Für die Beziehung war die männliche Zurückhaltung nicht von Nachteil. Je stärker Männer das sexuelle Interesse ihrer Frauen unterschätzten, umso zufriedener waren diese mit der Beziehung. Möglicherweise, weil ihre Partner mehr um sie warben und sich größere Mühe gaben, ihre Lust zu wecken.

JK

Amy Muise u. a.: Not in the mood? Men under - (not over-) perceive their partner’s sexual desire in established intimate relationships. Journal of Personality and Social Psychology, 110/5, 2016, 725–742. DOI: 10.1037/pspi0000046 (Abstract)

Diese und viele weitere Nachrichten aus der psychologischen Forschung finden Sie im neuen Septemberheft von Psychologie Heute in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

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