Sag's mit einem Buch!

05. Juni 2015
 

Manche Menschen beschäftigen sich mit Büchern, weil sie gerne lesen, für andere ist die Lektüre mehr als nur Selbstzweck. Sie nutzen sie auch, um sich vor anderen darzustellen.

Zwar scheint das Interesse an Gedrucktem gemeinhin zu sinken, doch so düster wie mancher die Zukunft des Buches sieht, ist sie offenbar auch nicht. Beispielsweise geben etwa 18 Prozent der mehr als 23.000 Befragten der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMa 2015 an, mehrmals in der Woche Bücher zu lesen, und 20,2 Prozent tun das nach eigenen Angaben demnach immerhin mehrmals im Monat.

Dass Bücher auch immer noch als ein Mittel gelten, mit dem man bei seinen Mitmenschen punkten kann, legt eine Studie von Wissenschaftlern nahe, die jüngst die Zeitschrift Psychology of Popular Media Culture veröffentlichte. Johannes Kaiser und Thorsten Quandt vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster befragten dafür 613 Personen, die jährlich mindestens 18 Bücher zum Vergnügen lasen oder 120 und mehr Bücher besaßen.

Diese von ihnen als heavy book users – „starke Buchnutzer“ – bezeichneten Teilnehmer füllten unter anderem einen Persönlichkeitstest aus. Zudem wurde über verschiedene Fragebögen erfasst, welchen Nutzen sie Büchern zusprachen und wie stark sie sich ihnen emotional verbunden fühlten. Auch die Bedeutung für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Abgrenzung zu anderen untersuchten die Forscher.

Frauen lesen mehr als Männer – die dafür mehr Bücher besitzen

Dabei stellten sie fest, dass die Bücherfans im Vergleich mit der deutschen Gesamtbevölkerung tendenziell weniger extravertiert sind, aber offener für neue Erfahrungen. Je älter die Probanden waren, desto mehr lasen sie, und vor allem Frauen zeichneten sich durch eine hohe Lesebegeisterung aus, während Männer auf eine größere Bibliothek verweisen konnten. Der größere Besitz führt offenbar aber nicht automatisch zu einem stärkeren Wissensdurst. Im Gegenteil: Je mehr Bücher die Teilnehmer ihr Eigen nannten, desto weniger Interesse hatten sie, daraus etwas zu lernen – und desto weniger extravertiert waren sie auch.

Kaiser und Quandt leiteten aus ihren Analysen drei unterschiedliche Typen von heavy book users ab, die ihrer Ansicht nach ein „weitaus komplexeres Bild zeigen als das einfache Stereotyp des traditionellen, intellektuellen, schüchternen und auf sich selbst fixierten Buchnutzers, der allein zu Hause sitzt und die Nacht mit angeschalteter Lampe unter der Bettdecke durchliest“. Tatsächlich scheint für viele die Lektüre von Büchern auch dazu zu dienen, sich in sozialen Situationen besser profilieren zu können. Die Typen im Überblick:

Typ 1: Der kompensierende Buchfetischist

Er ist etwas schüchterner und weniger extravertiert als andere. Trotzdem hat er das Bedürfnis, seine Individualität auszudrücken und sich von anderen abzuheben. Weil ihm das im direkten sozialen Kontakt schwerfällt, nutzt er Bücher als Mittel der symbolischen Kommunikation – beispielsweise indem er sich mit intellektueller Lektüre demonstrativ auf einer Parkbank oder im Café platziert.

Typ 2: Der gesellige Buchfetischist

Vergleichsweise extravertiert und abenteuerlustig, nutzt er Bücher, um sich innerhalb einer Gruppe und von anderen Gruppen abzuheben. Er hat keine Probleme im direkten Kontakt, sondern setzt Bücher lediglich als verstärkendes Mittel zur Selbstdarstellung ein – zum Beispiel, um in Gesprächen bestimmte Themen zu setzen.

Typ 3: Der Nicht-Fetischist

Auch er ist eher introvertiert – und offenbar weniger wild auf Bestätigung. Anders als die Buchfetischisten strebt der Nicht-Fetischist weniger stark danach, soziale Vorteile aus seiner Verbindung zu Büchern zu  ziehen. Er scheint die stille Lektüre zu bevorzugen, ohne Publikum und Diskussion.

Die Frage, wie stark das Prahl-Potential von gedruckten Büchern im digitalen Zeitalter tatsächlich ist, beantwortet die Studie nicht. Die Wissenschaftler beschäftigten sich nur mit den Absichten der Buchfreunde; auch zwischen vor allem Lesenden und jenen, denen es eher um den Besitz von Büchern geht,  unterschieden sie bei ihrer Analyse nicht. Es bleibt also offen, ob das Umfeld die unterschiedlichen Bemühungen um Beifall tatsächlich auch bemerkt und wie es darauf reagiert. Zumindest den Nicht-Fetischisten dürfte dies der Theorie nach aber ohnehin egal sein.

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