Schulsport: körperlich überschätzt, pädagogisch unterschätzt

06. Februar 2007
 

Weil sich Kinder und Jugendliche heute nicht ausreichend bewegen, wird dem Schulsport neuerdings viel Aufmerksamkeit geschenkt. Doch der Sport- und Erziehungswissenschaftler Andreas Hoffmann von der Universität Tübingen stellt nun klar: „Im Schulsport lassen sich keine körperlichen Effekte erzielen.“ Hingegen könne Schulsport eine immense pädagogische und verhaltensprägende Wirkung auf die Kinder haben, derer sich oft nicht einmal die Lehrer selbst bewusst seien.

Im Schulsport sollen Kinder verschiedene Sportarten mit ihren Bewegungsabläufen und Spielregeln kennen lernen sowie ihre sportlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern. Es werde darüber aber leicht vergessen, so Hoffmann, dass die Schule auch im Fach Sport einen Doppelauftrag zu erfüllen habe: Neben der Qualifikation soll die Erziehung, die Charakter- und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, eine ebenso große Rolle spielen. In einer Serie von Studien fragten Andreas Hoffmann und seine Kollegen die Betroffenen selbst, nämlich die Schüler, inwieweit sie diesen Erziehungsaspekt wahrnehmen.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der Schulsport und auch die Person des Sportlehrers eine erhebliche Wirkung auf die Schüler haben. Ein Sinn für Fairness und Kooperation zum Beispiel lasse sich im Fach Sport sehr anschaulich vermitteln. In einer Voruntersuchung haben Hoffmann und seine Kollegen sich überlegt, in welchen Situationen Lehrer pädagogisch handeln, etwa wenn Schüler Aggressivität zeigen oder im Spiel foulen. „Die Schüler sollen dann zum Beispiel die Frage beantworten: Wie reagiert der Lehrer, wenn wir uns unfair verhalten?“, erläutert Hoffmann.

In ihrer Hauptstudie setzen die Tübinger Sportwissenschaftler zwei Fragebögen ein. In dem ersten wurde die Wahrnehmung fachdidaktischer Aspekte erhoben. „Da geht es zum Beispiel darum, wie Kraft und Beweglichkeit im Schulsport geschult werden, inwieweit der Unterricht zu außerschulischem Sport anregt oder ob und wie der Einzelne Förderung durch den Sportlehrer wahrnimmt“, erklärt Hoffmann. Diese Aspekte haben die Forscher bei mehr als tausend 10 bis 19 Jahre alten Jugendlichen erfragt.

In dem zweiten Fragebogen geht es um den erzieherischen Aspekt des Sportunterrichts. An drei Hauptschulen, drei Gymnasien, drei Realschulen sowie drei Sportförderschulen erhielten ihn insgesamt 4700 Schüler der 5. bis 13. Klassen. Diese Studie läuft noch, doch erste Ergebnisse machen deutlich: „Die fachdidaktischen Modelle werden von den Schülern nicht so stark wahrgenommen, dagegen das erzieherische Eingreifen der Lehrer durchaus. Die vom Lehrer vermittelten Normen werden im Schulsport recht stark wahrgenommen“, sagt Hoffmann.

Zwar haben nach Selbsteinschätzung der Schüler Freunde, Eltern sowie Trainer und Übungsleiter aus dem Sportverein einen größeren Einfluss auf ihr Verhalten als der Sportlehrer in der Schule. Übungsleiter seien vor allem bei den jüngeren Befragten große Vorbilder – auch über den Sport hinaus. Der Sportwissenschaftler hält jedoch wenig davon, den Unterricht an der Schule in die Hände von externen Trainern zu geben. „Im Verein treiben die Jugendlichen in relativ kleinen Gruppen freiwillig eine Sportart, die sie gewählt haben. In der Schule sind dagegen in großen Gruppen auch diejenigen dabei, die kein Talent oder keine Lust haben.“ Der Erziehungsauftrag der Schule gebiete es, auch diese Kinder einzubeziehen.

Schulsportlehrer, sagt Hoffmann, können neben sportlichen Übungen eine ganze Bandbreite an weiteren Themen vermitteln. „Es lässt sich zeigen, dass der Sportunterricht für die Erziehung und Wertevermittlung eine Rolle spielt“ – zum Beispiel zur Kooperation, zur Leistungsbereitschaft oder zur Abkehr von Gewalt und Drogen. Überschätzt werde hingegen häufig der körperliche Trainingseffekt des Schulsports. Durch die Wege zur Turnhalle, die Auf- und Abbauzeiten sowie längere Erklärungen oder Wartezeiten bewege sich ein Schüler nur in einem Bruchteil der Zeit des Sportunterrichts. Quelle: idw

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