Selbstsicher – und bankrott?

16. Mai 2008
 

Ein solides Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist eigentlich eine gute Sache – aber wenn es um die Gründung eines Unternehmens geht, sollte man ruhig ein bisschen an sich zweifeln. Wie Wissenschaftler von der englischen University of Leicester gezeigt haben, führt das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse häufig zu riskanten Neugründungen – und damit auch zu späteren Pleiten.

Die Forscher wollten wissen, welchen Einfluss die Ausprägung des Selbstvertrauens auf das Verhalten bei unternehmerischen Vorhaben hat. In einem Experiment simulierten die Psychologin Briony Pulford und ihr Team mit dem sogenannten Market Entry Game die Bedingungen, denen Gründungswillige normalerweise am Markt ausgesetzt sind. Das Spiel hatte ursprünglich der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman erfunden, um die Faktoren von Entscheidungen in unsicheren Situationen zu untersuchen.

In Pulfords Experiment sollten die Probanden 24-mal darüber entscheiden, ob sie in verschiedenen Städten mit bestimmten Marktvoraussetzungen ein Restaurant eröffnen würden oder nicht. Waren sie mit ihrer Gründung im weiteren Verlauf erfolgreich, konnten sie bis zu 15 Pfund pro Runde verdienen. Der Gewinn – sowie der Verlust und der Bankrott – hing wie unter realen Bedingungen davon ab, wie viele andere Teilnehmer in der jeweiligen Stadt ebenfalls ein Restaurant eröffneten. Das Selbstvertrauen der Spieler manipulierten die Forscher, indem sie ihnen einfache oder schwierige Quizfragen über die Geschäftswelt stellten.

Es zeigte sich: Diejenigen Teilnehmer, deren Selbstvertrauen überdurchschnittlich hoch war, neigten eher dazu, Restaurants in Städten zu eröffnen, in denen der Markt bereits gesättigt war. Dabei verließen sich die Spieler bei ihren Entscheidungen hauptsächlich auf die Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und verglichen sich nur selten mit den anderen Probanden. Zudem nahmen sie offenbar die Bedingungen in den jeweiligen Städten nicht genügend in den Blick und versuchten häufig in Märkten Fuß zu fassen, die von vornherein nur eine geringe Aufnahmekapazität hatten.

„Ein zu ausgeprägtes Selbstvertrauen führt zu übermäßig optimistischen Einschätzungen. Häufig übersteigen die Neugründungen dann unausweichlich die Möglichkeiten des Marktes und gehen innerhalb weniger Jahre bankrott“, so Pulford.

Gründungswillige sollten also ihre eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse nicht überschätzen. Außerdem sollten sie besonders vorsichtig sein bei Unternehmungen, für die es nur einen kleinen Markt gibt – aber auch bei solchen, die scheinbar ein einfaches Geschäft versprechen. In beiden Fällen sind die Möglichkeiten wahrscheinlich bereits ausgereizt.

Von Anke Römer Quelle: EurekAlert

Diesen Artikel:

Neu im Shop

Sex@mour - Jean-Claude Kaufmann

Jean-Claude Kaufmann und Eva Illouz beleuchten den Wandel unseres Liebeslebens. Uneins sind sie in der Frage, ob wir in Zeiten des Internets eine neue Ethik brauchen.

19,99 €inkl. 7% MwSt.
Anzeige
Anzeige

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.