Suchtprävention per „Trinkexperiment“
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Wie können Alkoholexzesse von Jugendlichen verhindert werden? Der Psychologe Johannes Lindenmeyer, Direktor der Salus-Klinik Lindow, propagiert eine ungewöhnliche Methode: eine „Trinkschulung“ für Jugendliche.
Lindenmeyer stellt sein Konzept, das auf dem Grundsatz „Kompetenz statt Abschreckung“ fußt, jetzt in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vor. In dem Kurs „Lieber schlau als blau“, den Lindenmeyer an Schulen im Land Brandenburg anbietet, lernen die Schüler ab der 9. Klasse nicht nur, wie gefährlich der Alkoholkonsum ist, sie dürfen ihn auch ausprobieren.
„Schüler trinken eine vorab vereinbarte Alkoholmenge, erheben den Atemalkoholwert und messen die entstandene Alkoholwirkung mithilfe PC-gestützter Leistungstests und Videoaufnahmen“, erläutert der Psychologe. Wie beim Experimentieren im Chemieunterricht könnten die Jugendlichen auf diese Weise in ihrer Clique konkrete Erfahrungen machen, wie man „richtig“ trinkt.
„Insbesondere Vieltrinker mit Alkoholexzessen erfahren dabei ganz konkret, dass sie entgegen ihrer Selbstwahrnehmung zu ‚Anfängern‘ im Trinken gehören, die (noch) nicht kompetent mit Alkohol umgehen können“, so Lindenmeyer. Während des Experiments erlebten viele Jugendliche am eigenen Leib, dass sich zwar ein bisschen Alkohol gut anfühle, jedoch sehr rasch eine Rauschschwelle erreicht werde, ab der noch mehr Alkohol das Wohlbefinden nicht weiter steigere, sondern senke. Wie ein solches „Trinkexperiment“ abläuft, hatte Lindenmeyer bereits in einem Interview in der Aprilausgabe 2009 von Psychologie Heute geschildert: „Die Gruppe trifft sich zum Beispiel im Nebenraum einer Gaststätte. Es gibt zwei Trinkphasen von jeweils einer halben Stunde, gefolgt von Promillewertmessung, Konzentrationstest, Selbsteinschätzung. Am Schluss, bevor sie von den Eltern abgeholt werden, sagen die Teilnehmer ein kurzes Statement in die Videokamera – das sie dann später ernüchtert beurteilen können.“
Die Erfahrungen mit dem kontrollierten Alkoholkonsum werden später in der Klasse detailliert in mehreren Doppelstunden besprochen. „Jeder Teilnehmer erhält dabei ein präzises Feedback über die Risiken seines persönlichen Alkoholkonsums“, so Lindenmeyer. „Es gibt ferner Rollenspiele, etwa zur gegenseitigen Wahrnehmung betrunkener Mädchen und Jungen. Man übt, was im Notfall zu tun ist. Am Schluss legt jeder Teilnehmer schriftlich fest: Ich werde künftig pro Anlass maximal soundsoviel trinken, in folgenden Situationen nie trinken und mir in folgenden Situationen Hilfe holen. Dieser Zettel wird auch von den Eltern bewertet und gut sichtbar im Zimmer aufgehängt. Nach drei und sechs Monaten wird überprüft, wie weit sich die Jugendlichen an ihre Regeln gehalten haben.“
Der Psychologe hofft, dass die Schüler auf diese Weise eigene Normen und Regeln für einen vernünftigen Umgang mit Alkohol entwickeln. „Jugendliche sind nicht daran interessiert, von Erwachsenen belehrt zu werden“, erläuterte Lindenmeyer im Psychologie Heute-Interview. „Sie müssen Erfahrungen sammeln können – am besten in einem gesicherten Rahmen. Diesen Rahmen bietet unser Trinkexperiment. Keiner kann sich dort betrinken; doch ist die Trinkmenge so angelegt, dass die Teilnehmer durchaus eine Wirkung verspüren.“
Lindenmeyers Konzept ist unter Experten allerdings nicht unumstritten. Für Elvira Surrmann von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin, kommt eine Maßnahme, die den Ausschank von Alkohol an der Schule einschließt, nicht infrage: „Alle psychoaktiven Substanzen schädigen den Körper, der sich in der Entwicklung befindet, mehr als den ausgewachsenen Körper“, erklärt die Ansprechpartnerin für Suchtprophylaxe an der Berliner Schulbehörde. „Die Forderung muss also eine generelle Abstinenz aller Kinder und Jugendlichen sein.“
Lindenmeyer hält Alkoholabstinenz indes ebenfalls für erstrebenswert, und er möchte Jugendliche keineswegs zum „moderaten“ Trinken animieren. „Schülerinnen und Schüler, die bislang Alkohol gemieden haben, werden in unserem Programm darin bestärkt. Gleichzeitig wird ihnen aber auch mitgeteilt: Du wirst mit dieser Haltung zu einer – allerdings wachsenden – gesellschaftlichen Minderheit von Abstinenten gehören; dazu brauchst du Stärken, deine Position zu behaupten.“ Eine detaillierte Anleitung für Lehrer oder Suchtberater, die das Programm in der Schule durchführen möchten, findet sich in dem Buch „Lieber schlau als blau – für Jugendliche. Ein Präventionsprogramm für die Schule“ von Johannes Lindenmeyer und Simone Rost (Beltz Verlag, Weinheim 2008). Dem Buch liegt eine CD-ROM mit Arbeitsblättern, Vorlagen und einem animierten Vortrag bei.
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