Therapie verändert das Körperbild

17. Juli 2009
 

„Ich bin zu dick.“ So lautet das bizarr anmutende Urteil der Patientinnen beim Blick in den Spiegel – denn die Betroffenen sind oft sogar stark untergewichtig. Eine verzerrte Körperwahrnehmung ist charakteristisch für Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Studien haben gezeigt, dass die betroffenen Frauen ihren Körper für viel voluminöser halten, als dieser tatsächlich ist, und meinen, sie seien unattraktiver als andere. Mit Bildern von sich selbst konfrontiert, suchen sie geradezu die vermeintlichen Schwachstellen, während sie positive Eigenschaften ausblenden. Sie ekeln sich regelrecht vor ihrem Körper.

„Die große Bedeutung des gestörten Körperbilds wurde in der Therapie von Essstörungen lange vernachlässigt“, sagt die Psychologin Silja Vocks von der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit einer Kollegin hat sie in den vergangenen Jahren eine Gruppentherapie entwickelt, die hilft, das Verhältnis zum eigenen Körper wieder zu normalisieren, ihn immer weniger als Feind zu begreifen. Zentrales Element im Therapieprogramm sind Konfrontationen mit dem eigenen Körper vor dem Spiegel und mittels Videoaufnahmen. Schließlich lernen die Patientinnen, wieder positiv mit ihrem Körper umzugehen, zum Beispiel indem sie tanzen oder schwimmen gehen.

Studien haben bereits nachgewiesen, dass diese Körperbildtherapie wirksam ist. So verbessert sich nicht nur die Einstellung zum eigenen Körper, sondern auch das Essverhalten, und das Selbstwertgefühl steigt. Doch was genau verändert die Therapie im Gehirn? Und worauf beruht das gestörte Körperselbstbild der Patientinnen? Diesen Fragen sind Silja Vocks und der Neuropsychologe Boris Suchan nun in einer Studie mit einem Hirnscanner nachgegangen.

Teilnehmerinnen waren 13 magersüchtige und 15 bulimische Patientinnen sowie zum Vergleich 27 gesunde Frauen. Die Patientinnen wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt: Die einen erhielten sofort die zehnwöchige Gruppentherapie zur Verbesserung des Körperbildes, die anderen mussten noch warten.

Zu Beginn der Studie und ein zweites Mal nach Ablauf der zehn Wochen wurden die Gehirne aller Teilnehmerinnen im Kernspintomografen durchleuchtet. Dabei wurden den Patientinnen verschiedene Bilder gezeigt. Zum einen betrachteten sie Darstellungen von menschlichen Körpern im Wechsel mit Bildern von Gegenständen. Zum anderen wurden die Probandinnen mit Fotosequenzen konfrontiert, die ihren eigenen und einen fremden Frauenkörper aus verschiedenen Perspektiven zeigten. Auf diese Weise konnten die Forscher die Hirnregionen identifizieren, die bei der Verarbeitung von Körperbildern besonders aktiv waren. Vor allem ein Areal im unteren Bereich des Hinterkopfs, die sogenannte Extrastriate Body Area, spielte hierbei eine Schlüsselrolle. Wie sich herausstellte, war bei den essgestörten Patientinnen die graue Substanz in dieser für die Verarbeitung von Körperbildern zuständigen Hirnregion deutlich vermindert.

Ferner konnten Vocks und Suchan nachweisen, dass eine erfolgreiche Körperbildtherapie auch im Gehirn Spuren hinterlässt. Wie sich bei der Nachuntersuchung nach Ablauf der zehn Wochen zeigte, führte die Therapie zumindest bei den magersüchtigen Frauen zu Veränderungen: Nach der therapeutischen Arbeit am eigenen Körperbild war bei diesen Patientinnen die Aktivität der Extrastriate Body Area sowohl in der rechten als auch in der linken Hemisphäre erhöht. Offenbar analysierte ihr Gehirn die Proportionen der vorgeführten Frauenkörper nun genauer und nicht mehr so verzerrt. Bei den Patientinnen, die noch auf ihre Therapie warten mussten, war die Aktivität in diesem Hirnareal hingegen gleich geblieben. „Die Region ist also plastisch“, folgert Boris Schuchan. „Man kann sie durch therapeutische Interventionen verändern.“

Quelle: idw – RUBIN 1/2009

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