Und jetzt alle

28. April 2016
 

Gemeinsames Singen bricht das Eis. Fremde tauen auf, wenn sie zusammen Gassenhauer schmettern. Sie erleben ein wärmendes Gemeinschaftsgefühl. Musik verbindet, auch große Gruppen. Möglicherweise ist das der Grund, warum diese Kunstform in allen Gesellschaften der Welt gepflegt wird. Das zumindest vermuten die Psychologen Eiluned Pearce, Jacques Launay und Robin Dunbar von der Universität von Oxford.

Große Gemeinschaften haben viele Vorteile, aber auch einen entscheidenden Nachteil: Den einzelnen Mitglieder fehlt die Möglichkeit, sich näher kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Gemeinsame Aktivitäten überbrücken diese Lücke. Besonders gut funktioniert das mit Musik, meinen Pearce, Launay und Dunbar.

Wer mit anderen Menschen zusammen Lieder schmettert, kommt diesen sehr viel schneller nahe, als andere Tätigkeiten dies ermöglichen würden. Das haben die Wissenschaftler aus Oxford nun beobachtet. Sie begleiteten sieben neu formierte Freizeitkurse sieben Monate lang. Während einige Teilnehmer in der Gruppe musizierten, bastelten die anderen oder übten kreatives Schreiben. 90 Aktive hielten über den gesamten Zeitraum durch.

Nach einem, nach drei und nach sieben Monaten besuchten die Wissenschaftler die Hobbykünstler. Vor und nach der Kurseinheit beantworteten sie Fragen zur Bindung an die Gruppe. Zudem fügten die Forscher den Freiwilligen leichte Schmerzen zu. Aus der jeweiligen Empfindlichkeit leiteten sie ab, in welcher Menge Endorphine im Blut zirkulierten. Diese körpereigenen Morphine werden bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet und senken die Schmerzempfindung.

Die Auswertung belegte einen regelrechten Eisbrechereffekt des Singens. Sowohl die Selbsteinschätzung als auch die Endorphin-Messung zeigten, dass sich die Sänger schneller vertraut geworden waren und freudigere Erfahrungen gemacht hatten als die anderen Teilnehmer. In den anderen Gruppen dauerte die Phase des Kennenlernens deutlich länger.
JK

Eiluned Pearce, Jacques Launaym, Robin I. M. Dunbar: The ice-breaker effect: singing mediates fast social bonding. Royal Society Open Science, 2015. DOI: 10.1098/rsos.150221 (Link)


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 05/2016 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Viel zu tun?".

Lesen Sie mehr zur Bedeutung von Musik in diesem Interview mit dem Dirigenten Kent Nagano: "Ohne Musik würde der Mensch einen Teil seiner selbst verlieren"

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