Vom Grübeln loskommen

16. April 2010
 

„Warum gerade ich?“ „Wieso bin ich nie richtig zufrieden mit dem, was ich tue?“ „Warum gelingt es mir nicht, mein Leben in den Griff zu kriegen?“ „Was hat das zu bedeuten, dass mein Chef mich gestern so komisch angeguckt hat?“ – Sich von solchen Gedanken loszureißen, die zu keiner Lösung führen, fällt manchen Menschen schwer. Je länger sie grübeln, desto schlechter wird ihr Selbstwertgefühl, und desto düsterer erscheinen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Zermürbendes Grübeln ist häufig Symptom von Depressionen und begünstigt Rückfälle, wenn die Depression überwunden schien. Eine neue Therapie gegen das Grübeln, die am Zentrum für Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum geprüft wird, hilft dabei, den Teufelskreis der immer gleichen Gedanken und Befürchtungen zu durchbrechen. Dies belegt nun eine erste Datenauswertung: 80 Prozent der bislang behandelten Patientinnen und Patienten grübeln auch sechs Monate nach der Behandlung weniger, gewinnen an Kontrolle über ihr Grübeln und geben an, sehr zufrieden zu sein.

Die neue Gruppentherapie unterstützt Patienten darin, die grüblerische Auseinandersetzung mit sich selbst zu überwinden. Es geht darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, die Aufmerksamkeit selbst zu lenken, selbst zu entscheiden, worauf man sich konzentrieren will. Außerdem werden Annahmen und Einstellungen zum Grübeln bewusstgemacht und hinterfragt, etwa die Überzeugung, dass Grübeln dabei hilft, Probleme zu lösen. „Wir setzen uns im Gegensatz zu anderen Therapien mehr mit dem Prozess des Grübelns selbst auseinander als mit den Inhalten der Grübelei“, erklärt Tobias Teismann, der die Behandlungsstudie gemeinsam mit Ulrike Willutzki leitet.

Bislang wurden 40 Patientinnen und Patienten in die Studie aufgenommen. Erste Analysen zeigen, dass sich bei etwa vier von fünf Teilnehmern die depressive Symptomatik deutlich gebessert hat. Die ersten Patienten wurden drei und sechs Monate nach Abschluss der Behandlung auf depressive Beschwerden untersucht. Die Verbesserung der Stimmung, des Selbstwertgefühls und des Antriebs erwies sich auch über das Behandlungsende hinaus als stabil.

Daneben gaben 78 Prozent der Befragten zum Therapieende und in den Nachuntersuchungen an, dass sie sich nun viel seltener als vorher in Grübeleien verlieren. Auch hatten sie das Gefühl, mehr Kontrolle über ihre Gedanken gewonnen haben. Gefragt, wie sehr ihnen die Behandlung genutzt habe, gab die überwiegende Mehrzahl der Patienten an, sehr zufrieden mit den Erfolgen zu sein.

Für die laufende Therapiestudie zum Grübeln werden noch weitere Teilnehmer gesucht: Interessentinnen und Interessenten, die depressive Phasen erlebt haben und unter einer Restsymptomatik leiden, können sich unter der Telefonnummer 0234/32-22323 informieren und einen Termin für ein erstes Gespräch vereinbaren. Die Gruppentherapie findet wöchentlich insgesamt elfmal statt.

Mindestens vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen, mindestens zwei Drittel davon sind Frauen. Betroffene sind über längere Zeit fast ständig niedergeschlagen, können kaum noch Freude oder Genuss erleben und ziehen sich oft von Familie und Freunden zurück. Grübeln, Selbstzweifel und Schuldgefühle gehören genauso zur Depression wie Appetitmangel, Schlafstörungen, Antriebsmangel und ein ständiges Gefühl von Erschöpfung und Müdigkeit. Quelle: idw

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