Warum Frauen zuzeiten den Vater nicht anrufen

03. Dezember 2010
 

Bei vielen Tierarten hat man beobachtet, dass die jungen Weibchen an ihren fruchtbaren Tagen ihren Vätern und anderen männlichen Verwandten aus dem Wege gehen. Nun hat ein Team von Evolutionspsychologen erstmals nachgewiesen, dass Menschen da keine Ausnahme bilden: An ihren empfängnisbereiten Tagen rund um den Eisprung meiden junge Frauen den Kontakt zu ihren Vätern.

Debra Lieberman von der Universität von Miami und ihre Mitforscher werteten für ihre Studie die Handygespräche von 48 jungen Frauen aus. Sie registrierten jeweils die Anzahl und die Dauer aller Verbindungen, bei denen der Vater oder die Mutter der Adressat oder der Anrufer waren.

Das Resultat war eindeutig: Innerhalb des fruchtbaren Zeitfensters ihres Menstruationszyklus riefen die Frauen ihren Vater nur halb so oft an wie an den restlichen Tagen. Der Vater seinerseits meldete sich hingegen genauso häufig wie sonst. Doch rief er die Tochter an deren empfängnisbereiten Tagen an, so wurde er meist fix abgefertigt: Die Vater-Tochter-Gespräche waren während dieser Zeit im Schnitt deutlich kürzer als sonst.

Lieberman führt diesen unbewussten weiblichen Widerwillen gegen Kontakte mit dem Vater während der fruchtbaren Zyklusphase auf einen uralten Instinkt zurück. Wenn es um die Paarung geht, seien Väter nicht nur aus moralischen, sondern auch aus evolutionären Gründen „unerwünschte Gefährten“: Inzest senkt die genetische Variabilität und macht den Nachwuchs daher anfälliger für Erb- und andere Krankheiten. Nahe Verwandte sind daher schon aus biologischen Gründen als Sexualpartner eine schlechte Wahl.

Die Psychologin hält es für sehr wahrscheinlich, dass diese evolutionäre Programmierung der Grund dafür war, dass die Frauen an den „kritischen“ Tagen intuitiv Abstand von ihren Vätern hielten. Theoretisch wäre es zwar auch denkbar, dass die Frauen während ihrer fruchtbaren Tage – in denen, wie man weiß, die sexuelle Abenteuerlust steigt – besonders allergisch auf Mahnungen und Beziehungsratschläge der Eltern reagieren und daher am Telefon so kurz angebunden sind.

Doch träfe das zu, so hätten die Frauen nicht nur den Kontakt zum Vater, sondern auch jenen zur Mutter meiden müssen. Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall: Gerade in der „heißen Zeit“ telefonierten die Töchter besonders ausgiebig mit ihren Müttern. Möglicherweise dachten die Frauen in dieser Zeit häufiger als sonst über Rendezvous mit Männern nach, die sie schärfer ins Auge gefasst hatten, vermutet Mitforscherin Elizabeth Pillsworth. Und die Mütter seien dann wohl in solcherlei Herzensangelegenheiten die erste Ansprechpartnerin für Fragen wie „Ist er auch der Richtige?“ oder „Wie stelle ich’s an?“.

„Wir denken von uns, wir seien emanzipiert von den biologischen Kräften, die animalisches Verhalten antreiben – doch das ist nicht vollständig wahr“, kommentiert Debra Lieberman ihre Befunde. „Obwohl sich die menschliche Kultur in vielerlei Hinsicht rapide verändert hat, unterliegen unsere Alltagsentscheidungen doch häufig noch archaischen Einflüssen, die das Überleben und die Reproduktion sicherstellen sollen.“ So hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass Frauen zu ihren fruchtbaren Zeiten eine besondere Affinität zu betont maskulinen Gesichtern und Stimmen sowie männlichem Dominanzgehabe an den Tag legen – also zu „Alphamännchen“, die genetische Vorteile für den Nachwuchs versprechen. „Menschen“, konstatiert Lieberman, „sind alles in allem eben doch Säugetiere.“

Von Thomas Saum-Aldehoff Quelle: EurekAlert

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