Vorlesen macht nicht schlau

06. November 2014
 

Die abendliche Gute-Nacht-Geschichte gehört in vielen Familien einfach dazu. Oft legen Eltern auch Wert auf ein gemeinsames Abendessen und darauf, sich mit ihren Kindern über den vergangenen Tag zu unterhalten. Dies seien alles schöne Rituale, sagen Wissenschaftler jetzt – die Intelligenz ihrer Kinder könnten Eltern so allerdings nicht fördern.

Kevin Beaver, Professor für Kriminologie an der Florida State University, und Kollegen haben Daten einer großen amerikanischen Langzeitstudie ausgewertet, der National Longitudinal Study of Adosescent Health. In der Studie wurden unter anderem verschiedene elterliche Verhaltensweisen untersucht, etwa das Vorlesen, und ob sie einen Einfluss auf die verbale Intelligenz der Kinder hatten. Diese wurde gemessen mit dem sogenannten Picture Vocabulary Test (eine Art Wortschatztest), und zwar jeweils im Alter zwischen 11 und 17 Jahren und noch einmal zwischen 18 und 26 Jahren.

Es zeigte sich kein Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Eltern und der Intelligenz der Kinder. Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Intelligenz der Kinder ist nicht das Resultat der Sozialisation im Elternhaus. „Frühere Studien, die einen Einfluss des elterlichen Verhaltens nachgewiesen hatten, berücksichtigten vermutlich nicht die Vererbbarkeit von Intelligenz“, sagt Kevin Beaver.

Die Frage, inwieweit Eltern Einfluss auf die Intelligenz ihrer Kinder haben, ist unter Forschern viel diskutiert worden. So hatten einige Studien ergeben, dass Kinder, die in Haushalten aufwachsen, in denen regelmäßig vorgelesen und Wert auf ein gemeinsames Abendessen gelegt wird, intelligenter sind als Kinder, denen dies nicht zuteil wird. Andere Forscher wiederum sind der Ansicht, dass die Intelligenz nicht über das Verhalten der Eltern, sondern über die genetische Vererbung weitergegeben wird.

Um diese Frage zu klären, nahmen Beaver und Kollegen auch adoptierte Kinder in ihre Studie auf. Dadurch konnten sie die Sozialisation im Elternhaus und den genetischen Einfluss jeweils getrennt betrachten. „Als wir die Vererbung mit in Betracht zogen, ergab sich kein Hinweis mehr darauf, dass die Intelligenz der Kinder durch das elterliche Verhalten beeinflusst ist“, so Kevin Beaver.

„In früheren Studien hatte es teilweise den Anschein, dass die Sozialisation einen Einfluss auf die Intelligenz hat. Tatsächlich scheint es aber so zu sein, dass intelligente Eltern mehr solcher Verhaltensweisen wie Vorlesen zeigen – und dies den genetischen Einfluss quasi überdeckt.“

„Die Art und Weise, wie Eltern ihre Kinder erziehen, spielt also keine so große Rolle – was die Intelligenz angeht –, solange sich das elterliche Verhalten in einem normalen Rahmen bewegt“, schlussfolgert Beaver.

Anke Bruder

Quelle: Florida State University via Newswise

 

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