Was macht mich sexy?

26. Februar 2016
 

Bin ich sexuell attraktiv? Wenn Menschen ihre erotische Anziehungskraft auf andere taxieren, haben sie ihr körperliches Erscheinungsbild im Blick. Aber nicht nur. Und die selbstempfundene physische Attraktivität ist dabei nicht einmal das Wichtigste. Das ist das Ergebnis einer großen Online-Umfrage mit fast 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlicher sexueller Orientierung. Die Psychologinnen Natalie Amos und Marita McCabe von der Deakin University im australischen Melbourne loteten anhand von Fragebögen aus, an welchen Kriterien die Frauen und Männer ihre sexuelle Attraktivität festmachten.

Das körperliche Selbstwertgefühl war für Frauen wie Männer, gleichgültig ob hetero-, oder homosexuell, ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Faktor. Gefragt wurde, wie zufrieden die Teilnehmer etwa mit ihrer Figur insgesamt, ihrem Bauch, ihren Hüften, ihrer Kondition und ihrem Gewicht waren. Schwule Männer maßen ihrem Körper etwas mehr Gewicht bei der sexuellen Selbsteinschätzung bei als Heteromänner, vielleicht weil Letztere darauf hofften, dass für Frauen bei der Partnerwahl nicht der Waschbrettbauch allein zählt, sondern auch die berühmten „inneren Werte“. Zwischen heterosexuellen und lesbischen Frauen bestand in dieser Hinsicht hingegen kaum ein Unterschied. Dass Lesben auf ihr körperliches Erscheinungsbild nicht sonderlich viel Wert legen, ist ohnehin längst als böswilliges Vorurteil entlarvt.

Noch bedeutsamer als das körperliche war das sexuelle Selbstwertgefühl. Damit ist so etwas wie die Zufriedenheit mit sich selbst als Sexualpartner gemeint, also als jemand, der es versteht, dem Partner Lust zu bereiten und seinerseits den Sex zu genießen. Für alle Teilnehmer war dies ein wichtiger, für heterosexuelle Frauen sowie für schwule Männer sogar der wichtigste Faktor überhaupt. „Gut im Bett“ zu sein scheint erstaunlicherweise von heterosexuellen Frauen als noch vordringlicher empfunden zu werden als von heterosexuellen Männern. Offenbar taxieren Heterofrauen und schwule Männer sich selbst mit dem männlichen Blick des potenziellen Partners, vermuten die beiden Psychologinnen.

Auch Geschlechtsrollen hatten Einfluss auf die selbstempfundene sexuelle Attraktivität. Wer sich „männliche“ Attribute wie Dominanz oder emotionale Belastbarkeit zuschrieb, empfand sich im Schnitt als sexuell attraktiver; dies traf besonders auf heterosexuelle Männer und lesbische Frauen zu. Die Forscherinnen erklären dies wiederum damit, dass Heteromänner und Lesben eben auf Frauen attraktiv wirken wollen, „und Frauen achten auf Eigenschaften wie Dominanz, wenn sie nach einem Sexualpartner Ausschau halten“. Merkmale wie Mitgefühl und Fürsorge, also „weibliche“ Tugenden, brachten hingegen nur heterosexuellen Männern in ihrer Selbsteinschätzung einen kleinen Attraktivitätsgewinn – wohl weil sie annahmen, Frauen stünden auf zwar harte, aber auch mitfühlende Kerle.

Und noch ein sprechender Befund: Eine hohe Frequenz der sexuellen Aktivitäten werteten wiederum nur Männer, Heteros wie Schwule, ein wenig als Beleg ihrer erotischen Zugkraft. Den Frauen, gleich welcher Orientierung, war das „Wie oft“ in dieser Hinsicht egal. Offenbar setzen Frauen in ihrem sexuellen Selbstbild auf Qualität, nicht Quantität.

Als Fazit halten Natalie Amos und Marita McCabe fest: „Körperliches und sexuelles Selbstwertgefühl sind allen Menschen wichtig, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.“

Thomas Saum-Aldehoff

Originalstudie: Natalie Amos, Marita P. McCabe: Self-perceptions of sexual attractiveness: Satisfaction with physical appearance is not of primary importance across gender and sexual orientation. Journal of Sex Research, 53/2, 2016, DOI: 10.1080/00224499.2014.1002128

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