Wenn Nähe in der Partnerschaft unzufrieden macht

20. Mai 2016
 

In einer Partnerschaft gilt es, zwei widerstreitende Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen: jenes nach Nähe und Verbundenheit (communion) und jenes nach Distanz und Unabhängigkeit (agency). Honigsüße Harmonie ohne agency ist kein erstrebenswerter Zustand. Doch auch wenn der Unabhängigkeitsdrang eines der Partner stark ist, kann darunter die Beziehung leiden – es sei denn, man entschließt sich von vornherein, eine Beziehung auf (räumliche) Distanz zu führen.

Das ist die Quintessenz einer Studie von Birk Hagemeyer von der Universität Jena und seinen Mitforschern aus München und Berlin. Befragt wurden 332 zusammenlebende Paare sowie 216 Paare, die mit Absicht und ohne beruflichen Zwang in getrennten, aber nahe beieinanderliegenden Wohnungen lebten. Ein Teil der Paare führte außerdem zwei Wochen lang ein Beziehungstagebuch für die Forschung.

Wie zu erwarten, war bei den auf Distanz lebenden Paaren das Grundmotiv nach Eigenständigkeit stärker ausgeprägt als bei den zusammenlebenden. Ein starkes agency-Bedürfnis ging bei diesen Paaren aber nicht zulasten der Beziehungszufriedenheit, denn sie hatten ja den Abstand, den sie brauchten. Bei den zusammenlebenden Paaren hingegen häuften sich Konflikte und Missstimmungen, sobald einer der beiden Partner einen starken Freiheitsdrang innerhalb der Beziehung hatte. Vielleicht frustet das beide Partner, vermuten die Autoren: den einen, weil er sich eingeengt fühlt; den anderen, weil der Partner so wenig Nähe zulässt.

Dieses Missverhältnis spiegelte sich auch in den Tagebüchern wider: Normalerweise waren die Partner umso zufriedener mit ihrer Beziehung, je mehr Zeit sie an dem betreffenden Tag miteinander verbrachten. Das galt übrigens auch für die getrenntlebenden Paare. Nur jene Probanden, die a) ein hohes Autonomiebedürfnis hatten und b) mit dem Partner zusammenlebten, machte jede zusätzliche zweisam verbrachte Stunde tendenziell eher unzufriedener als glücklicher. Diese Paare wären also vermutlich gut beraten, mehr Abstand zu halten – oder aber gezielt ihren Empathiemuskel zu trainieren.

Thomas Saum-Aldehoff

Birk Hagemeyer u.a.: When “together“ means “too close”: Agency motives and relationship functioning in co-resident and living-apart-together couples. Journal of Personality and Social Psychology, 109/5, 2015, 813–35. Doi: 10.1037/pspi0000031

Lesen Sie dazu das große Partnerschaftsinterview In Liebe verschränkt mit den Jenaer Paar- und Persönlichkeitsforschern Franz J. Neyer und Christine Finn – in der Juni-Ausgabe von Psychologie Heute.

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