Wie bei Sex and the City

01. April 2016
 

Stanford Blatch ist der beste Freund von Carrie Bradshaw, der Hauptfigur der Serie Sex and the City. Ihrem homosexuellen Gefährten vertraut Carrie einiges an. Manches kann sie besser mit ihm besprechen als mit ihren Freundinnen. Gut beobachtet ist das, folgt man dem Psychologen Eric Russell von der Universität von Texas in Arlington.

Bereits seit den 1970er Jahren berichten Wissenschaftler vom Phänomen des schwulen besten Freundes. Oder, aus der umgekehrten Perspektive: von Frauen, die gerne mit homosexuellen Männern herumhängen. Eric Russell spricht auch von fruit flies (Fruchtfliegen). Aus weiblicher Sicht sind die realen Stanford Blatches einfach vertrauenswürdiger als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen.

Ein Problem jedoch haben die bisherigen Studien nicht gelöst: Sind Schwule gute Ratgeber in allen Lebenslagen – oder schätzen ihre Freundinnen ihre Expertise nur in bestimmten Fragen?

Eric Russell hat sich dieser Herausforderung in einer aktuellen Untersuchung nun angenommen. Insgesamt befragte er dafür knapp 700 Studentinnen. Die Erkenntnis: Heterosexuelle Frauen vertrauen homosexuellen Männern vor allem in Liebesdingen.

Freunde ohne Hintergedanken

Wie kommt das? Russell meint, Frauen interessierten sich einerseits dafür, was Männer denken. Heterosexuellen Männern unterstellen sie in dieser Hinsicht jedoch Hintergedanken. Im Austausch mit heterosexuellen Freundinnen stellen sich mitunter Fragen der Konkurrenz. Diese Gesprächspartnerinnen könnten etwa arglistige Ratschläge geben: Vielleicht rät die Freundin ja von einem Date mit dem süßen Typen ab, weil sie ihn für sich haben will? Diese Überschneidung von Interessen hat der schwule Freund nicht. Er kennt die Männer, hat aber ein ganz anderes Beuteschema.

In einer Teilstudie bat Eric Russell beispielsweise 167 Probandinnen, fiktive Social-Media-Profile unter die Lupe nehmen. Die Männer dort machten keinen Hehl aus ihrer sexuellen Orientierung. Und wie erwartet trauten die Studentinnen in Liebesdingen am ehesten Schwulen. Zum Vergleich: Ob Männer auf andere Männer standen oder auf Frauen, hatte keinen Einfluss auf ihre Glaubwürdigkeit in Finanzfragen. Es ging tatsächlich um die Beziehungen, in denen Frauen homosexuelle Männer als Ratgeber schätzten.

In einer anderen Untersuchung belegte Russel, dass die Erinnerung an eine Konkurrenzsituation auf dem Heiratsmarkt ebenfalls die Glaubwürdigkeit von homosexuellen Männern erhöht. Zu diesem Zweck legte er einer Gruppe von Probandinnen einen Text vor, der von der Schwierigkeit der Partnerwahl berichtete. Eine Kontrollgruppe las einen neutralen Artikel ohne Bezug zu Liebesdingen. Und tatsächlich: Wer zuvor an eine Konkurrenzsituation erinnert worden war, hielt schwule Männer für besonders vertrauenswürdig.

Nach Ansicht von Russell und seinen Koautoren sprechen diese Befunde klar dafür, dass ein großer Vorteil von Beziehungen von heterosexuellen Frauen zu homosexuellen Männern vor allem auf Gesprächen über Liebesdinge beruht – auch wenn, theoretisch, andere Erklärungen denkbar wären.

JK

Eric M. Russell u. a.: Why (and when) straight women trust gay men: ulterior mating motives and female competition. Archives of Sexual Behavior, 2015. DOI: 10.1007/s10508-015-0648-4

Dieser Beitrag ist in etwas kürzerer Form in der Ausgabe 04/2016 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Mitten im Leben – was es heute heißt, erwachsen zu sein". Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele. 

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