Narzisstische Liebe

08. Juni 2017
 

Narzissten sind häufig zu Beginn einer Beziehung sehr charmant und angenehm. Doch in späteren Phasen des Zusammenseins werten sie häufig ihre Partner ab. Diese beiden Verhaltensweisen fanden Psychologen in sieben Studien mit insgesamt 3560 Teilnehmern.

Anhand von Selbst- und Partnerberichten, Videoeinschätzungen, Face-to-Face-Situationen im Labor sowie Onlineumfragen stellten sie fest: Wie sich Narzissmus in Beziehungen auswirkt, hängt davon ab, ob die Beziehung noch am Anfang ist oder schon länger besteht. Beim Kennenlernen oder in der Anfangsphase suchen Narzissten sehr stark nach Bewunderung. Um diese zu bekommen, geben sie sich charmant und einfühlsam. Genau dasselbe Ziel der Selbstbestätigung wollen Narzissten erreichen, die schon lange in einer Beziehung sind. Dann setzen sie jedoch einen anderen  Mechanismus ein: Sie stabilisieren ihr Selbstwertgefühl, indem sie mit dem Partner rivalisieren und ihn abwerten.

Aus Bewunderung wird Rivalität und Abwertung

Die Autoren sehen in den Studienergebnissen die erste empirische Bestätigung dafür, dass es vom Stadium abhängt, wie Narzissten eine Beziehung beeinflussen. Beim Kennenlernen oder in sehr kurzen Beziehungen sind Narzissten wegen ihres charmanten, angenehmen und aktiven Verhaltens für andere interessant, sexuell attraktiv und deshalb oft erfolgreich, dies zeigten die Bewertungen der Probanden, heißt es. Anders dagegen bei den Studienteilnehmern in Langzeitbeziehungen. Hier wollten die Forscher wissen, wie die Befragten ihre Beziehung und den Partner einschätzten. Es ließ sich nachweisen, dass Rivalität und Abwertung der Narzissten die treibende Kraft für die Probleme in den Partnerschaften waren. Nicht jeder Narzisst in einer Langzeitbeziehung rivalisiere zwangsläufig, folgern die Psychologen, aber in der Praxis komme es relativ häufig vor.

SAC / AB

Stefanie N. Wurst u. a.: Narcissism and romantic relationships: The differential impact of narcissistic admiration and rivalry. Journal of Personality and Social Psychology, 112/2, 2017. DOI: 10.1037/pspp0000113

Dieser Beitrag ist in etwas abgewandelter Form in der aktuellen Juni-Ausgabe  von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Nichts zu bereuen! Sich verpasste Chancen verzeihen. Den Sinn im Versäumten erkennen".

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