WM-Effekt: Deutsche selbstbewusster und optimistischer

29. August 2006
 

Das unerwartet gute Abschneiden des deutschen Teams bei der Fußball-Weltmeisterschaft hatte einen deutlichen psychologischen Effekt: Während der WM sahen die Menschen in Deutschland der wirtschaftlichen Zukunft erheblich optimistischer entgegen als vorher. Ihre eigene ökonomische Situation beurteilten sie sogar so positiv, als hätten sie knapp 500 Euro mehr in der Tasche als vor der WM. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Universität Bonn in einer repräsentativen Studie.

Sie haben dazu zu verschiedenen Zeitpunkten mehr als 3200 Personen befragt. Anderthalb Wochen vor der WM sowie am Tag nach jedem deutschen Spiel hatte das Meinungsforschungsinstitut Infas im Auftrag der Bonner Forscher je 400 zufällig ausgewählte Erwachsene interviewt. Die Befragten sollten sich zu ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation sowie zur aktuellen ökonomischen Lage der Bundesrepublik äußern. Außerdem sollten sie einschätzen, wie sie selbst sowie Deutschland allgemein in einem Jahr wirtschaftlich dastehen würden.

Das Ergebnis überraschte in seiner Deutlichkeit selbst die Experten: „Gerade nach dem gewonnenen Viertelfinalspiel gegen Argentinien sowie gegen Portugal um Platz 3 sahen die Befragten ihre aktuelle wirtschaftliche Lage viel rosiger als vor Beginn der WM“, sagt Armin Falk. Zusammen mit seinen Kollegen Thomas Dohmen, David Huffman und Uwe Sunde konnte der Bonner Ökonomieprofessor sogar die Stärke der rosaroten Brille berechnen: Wer während der WM interviewt wurde, beurteilte seine ökonomische Situation im Vergleich zur Befragung vor der WM, als verfüge er über ein knapp 500 Euro höheres Netto-Haushaltseinkommen.

Bei der Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Lage sowie der zukünftigen Entwicklung beobachteten die Forscher einen ähnlichen Trend: Während der WM waren die Urteile deutlich positiver. Der Euphorie waren allerdings auch Grenzen gesetzt: „Die Zufriedenheit mit der Regierung stieg in dieser Zeit dagegen nicht, und auch an der objektiven Situation hatte sich nichts geändert“, betont Falk. „Wie sollte die Tatsache, ob der Ballack nun ein Tor schießt oder nicht, daran auch etwas ändern?“

Oder etwa doch? Vielleicht erklären die Ergebnisse zumindest teilweise, warum das Wirtschaftswachstum hierzulande momentan überraschend stark an Fahrt gewinnt. „Zwar ist der direkte ökonomische Effekt der WM, beispielsweise durch gestiegene Einnahmen der Gastronomie oder die höhere Nachfrage nach Flachbildschirmen, wohl minimal“, sagt Falk. „Wenn aber Millionen Menschen in Deutschland aufgrund einer optimistischen Grundstimmung konsumfreudigere Entscheidungen treffen und mehr investiert wird, kann man sich durchaus vorstellen, dass daraus tatsächlich ein zusätzlicher Wachstumsschub entsteht.“ Der wirtschaftliche Optimismus würde sich praktisch im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung nachträglich bestätigen.

Ob die gute Stimmung während der WM tatsächlich langfristige Effekte hat, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall, so Falk, demonstriere „das natürliche Experiment Fußball-WM eindrucksvoll, wie viel Macht scheinbar irrelevante Ereignisse auf kollektive ökonomische Wahrnehmungen und Erfahrungen haben können.“ Quelle: idw

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