Wochenendarbeit: halb so schlimm?

28. Dezember 2015
 

Glücklich ist, wer noch einen Beruf ausübt, in dem er nur von Montag bis Freitag gefordert ist. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland arbeitet mittlerweile auch am Wochenende, und mehr als jede und jeder Vierte muss sogar am Sonntag seiner Arbeit nachgehen, zum Beispiel als Krankenschwester oder Taxifahrer, zunehmend aber auch im Lebensmittelhandel oder Callcenter.

Allzu erbaulich scheint das nicht zu sein. Schon in den vergangenen Jahren hatten Studien des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gezeigt, dass es um die Gesundheit von Beschäftigten, die auch am Samstag oder Sonntag arbeiten müssen, schlechter bestellt ist. Auch leiden sie häufiger unter körperlicher und emotionaler Erschöpfung sowie Schlafstörungen, und sie fühlen sich bei der Arbeit häufiger gehetzt.

Diese Ergebnisse hat jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in einer repräsentativen Befragung von 9000 Erwerbstätigen weitgehend bestätigt. Personen, die auch Wochenenddienste leisten mussten, hatten eine etwas geringere Lebenszufriedenheit als andere Arbeitnehmer. Sie waren insbesondere mit ihrem Familienleben, aber auch mit ihrem Schlaf und ihrer Gesundheit unzufriedener.

Aber lag das auch tatsächlich an den Wochenenddiensten? Dies überprüften die Studienautoren Maria Metzing und David Richter, indem sie gezielt die Entwicklung solcher Beschäftigter verfolgten, die zwischen 2005 und 2013 zunächst eine Fünf-Tage-Woche hatten, dann aber – ohne den Job zu wechseln – an ihrem Arbeitsplatz auch Wochenenddienste verrichten mussten. Wie sich herausstellte, ging diese Umstellung zwar etwas zu Lasten der Arbeitszufriedenheit, doch bei der Zufriedenheit mit dem Familienleben, der Gesundheit oder dem Schlaf waren keine drastischen Veränderungen festzustellen. Sprich: Die Frauen und Männer, die nunmehr auch am Wochenende arbeiten mussten, wurden dadurch insgesamt kaum unzufriedener, als sie vorher waren.

Woran aber liegt es dann, dass Menschen mit Wochenenddiensten sich nicht so wohl und gesund fühlen wie andere Arbeitnehmer? Offenbar hat es damit zu tun, dass der Beruf, den sie ausüben, auch ohne Wochenendarbeit schon stressig genug ist. „Zufriedenheit hängt nicht von der Wochenendarbeit per se, sondern von der Art des Berufs ab“, sagt Studienautor Richter.

Können wir uns also das Arbeitszeitgesetz sparen? Sollte der Gesetzgeber „24/7“ freigeben, also Arbeit an sieben Tagen die Woche und rund um die Uhr, so wie mancher „liberale“ Politiker sich dies vorstellt? Wohl besser nicht. Denn es stellt sich doch die Frage, was Arbeitnehmer in Berufen, bei denen Wochenenddienste anfallen, so unzufrieden macht. Offenbar schlauchen diese Berufe – wenn nicht durch die Arbeit am Wochenende allein, so wahrscheinlich doch durch die unregelmäßigen Arbeitszeiten insgesamt. „Dazu könnten beispielsweise Schichtdienste oder Nachtarbeit gehören, wie sie unter anderem bei Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern regelmäßig vorkommen“, schreiben die DIW-Forscher.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Beitrag Aus dem Takt in der gedruckten Ausgabe von Psychologie Heute, Heft 11/2015, der sich mit den seelischen und körperlichen Folgen unseres unrhythmischen Lebenswandels auseinandersetzt.   

Quelle: DIW Wochenbericht Nr. 50.2015

 

 

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