Zwei Millionen Jahre Demokratie

10. Juli 2015
 

Die Demokratie wurde nicht erst im antiken Griechenland erfunden, sondern ist beinahe so alt wie die menschliche Gattung selbst. Mit dieser These sorgen drei Anthropologen aus den USA und der Schweiz derzeit für Aufsehen.

In ihrer Studie, veröffentlicht im Fachjournal Current Anthropology, datieren Herbert Gintis vom Santa Fe Institute, Carel van Schaik von der Universität Zürich und Christopher Boehm von der University of Southern California die Anfänge der Demokratie fast zwei Millionen Jahre zurück. Damals begannen Frühmenschen der Spezies Homo erectus, Steinwerkzeuge und Speere mit Steinspitzen herzustellen.

Gerade die Erfindung dieser Waffen, so die drei Anthropologen, habe das Sozialgefüge massiv verändert. Bis zu diesem Zeitpunkt habe in den menschlichen Gemeinschaften wahrscheinlich eine soziale Hierarchie geherrscht, wie man sie bei Menschenaffen und anderen Primaten beobachten kann: Vor allem die körperliche Kraft eines Individuums bestimmt dessen Platz in der Rangordnung; der Stärkste ist der Anführer.

Doch sobald viele in der Gruppe mit einem Speer, Beil oder Messer umzugehen wussten, war Dominanz nicht länger allein eine Frage der Kraft, schreiben Gintis und seine Kollegen. Die anderen wussten sich zu wehren. Dies habe zur Folge gehabt, dass die Sozialordnung in den Gruppen allmählich „egalitärer“ geworden sei. Für einen Anführer (oder eine Anführerin?) reichte es nicht mehr aus, die anderen zu dominieren, er musste sie auch überzeugen und motivieren, musste sich der Gunst seiner Unterstützer versichern und Bündnisse schmieden. Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften, wie sie auch heute noch existieren, hätten eine vergleichsweise egalitäre Sozialordnung, so die Anthropologen.

Eine zweite Entwicklung, die nach Ansicht der Autoren die frühe Demokratisierung vorantrieb, bestand darin, dass die Menschen sich zu größeren Gruppen zusammenschlossen, um gemeinsam zu jagen und im Schutz der Gemeinschaft ihre Kinder aufzuziehen. Dieser Trend verstärkte sich mit der Zähmung des Feuers vor etwa 800.000 Jahren: Man ging organisiert auf die Jagd und bereitete das Fleisch auf dem gemeinsamen Grill oder Herd zu.

Diese Umbrüche eröffneten „eine neue politische Dimension“ im menschlichen Zusammenleben, schreiben Gintis, van Schaik und Boehm. Erforderlich wurde ein „konsensualer Entscheidungsprozess“. Das abgestimmte Gruppenleben, so die These, erforderte permanente Kommunikation, Kooperation und sozialen Austausch. Möglicherweise formten sich in der Frühzeit der Menschheitsentwicklung also schon die wesentlichen Elemente, die bis heute das Politische ausmachen – zum Beispiel das Schmieden von Koalitionen entlang gemeinsamer Interessen. Gefragt waren sprachliches Talent, rhetorisches Geschick und das, was die Autoren „Hyperkognition“ nennen: die Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt der anderen hineinzuversetzen, ihre Motive zu verstehen – und diese im eigenen Sinne zu nutzen oder auch zu manipulieren.

Der Evolutionsdruck sorgte dafür, dass sich diese geistigen Eigenschaften mit der Zeit verstärkten: Im Vorteil waren diejenigen, die in politischen Bezügen denken und handeln konnten. Vielleicht war dieser Prozess ein Motor in der rasanten Entwicklung des menschlichen Gehirns. Der Mensch wurde zu dem, was Aristoteles – ein Grieche! – das Zoon politikon, das politische Lebewesen nannte.

Erst vor etwa 12.000 Jahren habe sich die menschliche Kultur abermals geändert, schreiben die Anthropologen – diesmal zuungunsten der Demokratie. Mit Landwirtschaft und Viehzucht wurde materieller Besitz bedeutsam, der in den Siedlungsgemeinschaften zunehmend ungleich verteilt war: Soziale Hierarchien erlebten eine Renaissance.

Als die Griechen dann im 5. Jahrhundert vor Christus die Demokratie neu erfanden, knüpften sie also womöglich, ohne es zu wissen, an eine uralte, nur vorübergehend verschollen gegangene Tradition an.

Thomas Saum-Aldehoff

Originalquelle:
Herbert Gintis, Carel van Schaik, Christopher Boehm: Zoon politikon. The evolutionary origins of human political systems. Current Anthroplogy, 56/3, 2015, 327–353. DOI: 10.1086/681217
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