Das Spiel mit Masken und Verkleidungen

17. Februar 2012
 

Die Narren sind wieder unterwegs. Aber was treibt sie um? Warum begeistern sich Millionen von Menschen für Umzüge, Maskenbälle, Büttenreden? Und was steckt hinter der Lust an der Verkleidung?

Es ist mehr als nur eine Alltagsflucht, meint der Soziologe Tilman Allert von der Goethe-Universität Frankfurt: „Wer im Fasching in eine andere Verkleidung oder Maske schlüpft, kultiviert, wenn auch zuweilen umständlich kostümiert, einen Rollentausch, der neue Perspektiven auf die Mitmenschen wie auf das eigene Ich eröffnet. Man könnte zugespitzt sagen, dass der Karneval vorübergehend ein Stück Soziologie in den Alltag der Menschen bringt.“

Das Interesse der Soziologie an Karneval und Fasching als Forschungsgegenstand habe mit dem Spannungsverhältnis von Maske und Authentizität zu tun, das elementar sei für den sozialen Auftritt des Menschen. „Jeder, der mit seiner Umwelt kommuniziert und interagiert, bedarf einer bestimmten Maske, unabhängig davon, ob er Hochschullehrer, Kaufmann oder Briefträger ist“, sagt Allert.

Jede Maske enthalte aber zugleich das Versprechen von authentischer und unverwechselbarer Selbstdarstellung, und diese ewige Spannung lasse den Wunsch entstehen, auch einmal ganz anders zu sein, alles Gewohnte einzutauschen gegen eine andere Maske. Diese Grundspannung könne zwar auch im Karneval von den Narren nicht überwunden, aber doch spielerisch erforscht und erprobt werden.

Dass Karneval vor allem in katholisch geprägten Regionen tief verwurzelt ist, erklärt Allert mit der größeren Sensibilität von Katholiken für das Liturgische und Ornamentale des sozialen Lebens. „Das verinnerlichte Vertrauen in die göttliche Protektion bewahrt den Menschen gewissermaßen vor den Gefahren, die ein Rollen- oder Maskentausch mit sich bringt.“

Kulturkritiker monierten bisweilen, dass Karneval eine kurzzeitige Flucht vor der Realität darstelle und von anderen kollektiven Feierexzessen kaum noch unterscheidbar sei. Denen entgegnet Allert: „Ausgelassenheit und die zugelassene Regression auf den ganz anderen sozialen Auftritt können sich verselbstständigen, der Exzess ist leider ein eingebautes Risiko des Ganzen.“

Richtig sei aber, dass das Verhältnis von Fasching und Alltag sich langfristig verändern könne. Denn die Gesellschaft sei in den letzten 50 Jahren viel toleranter und offener gegenüber abweichenden, auch exzentrischen sozialen Masken geworden. „Selbst bei einer verbeamteten Berufsgruppe wie den Zugschaffnern sind Piercings, Tätowierungen und auffällige Frisuren heute gang und gäbe. Vielleicht enthält der Karneval die geheime Botschaft an die Gesellschaft, nonkonforme Kostümierungen nicht allzu ernst zu nehmen.“

Insofern könne dem Fasching eine produktive, die Elastizität von sozialen Beziehungen erhöhende Funktion zugeschrieben werden: „Et kütt wie et kütt.“

Quelle: Universität Frankfurt via idw
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