Gewissenhafte lieben milde Töne

22. Juli 2016
 

Was sollen wir unseren Nutzern nur empfehlen? Darüber zerbrechen sich die Entwickler von Musikstreamingdiensten wie Spotify, Deezer und Apple Music den Kopf. Komplexe Algorithmen sollen dafür sorgen, dass jedem einzelnen Hörer Songs ans Herz gelegt werden, die ihm wirklich gefallen. Aber vielleicht sollten die Entwickler zusätzlich mal bei dem Psychologen David Greenberg von der Universität von Cambridge nachfragen.

Greenberg meint nämlich, dass unsere Persönlichkeit schon ziemlich viel darüber verrät, welche Musik wir mögen. Streamingdienste könnten demnach ihre Tipps verbessern, wenn sie die Charaktereigenschaften ihrer Nutzer mit wenigen Fragen erheben. Bisher konzentrieren sich Spotify und Konsorten darauf, den Hörverlauf ihrer Kunden zu analysieren. Ein Beispiel: Wer einen Song der Sängerin Imany sucht, dem wird präsentiert, was anderen Hörern, die diese Künstlerin schätzen, noch so gefällt.

Klassik oder Helene Fischer?

Schon frühere Untersuchungen hatten einen Zusammenhang zwischen Musikgeschmack und Persönlichkeit gezeigt. Diese Studien orientierten sich jedoch an Genres und waren deshalb anfällig für Fehler: Nicht alle Menschen verstehen unter Jazz dasselbe; und auch die soziale Erwünschtheit könnte ein Problem sein. Mancher sagt möglicherweise, er höre gerne Klassik – dabei ist es ihm nur peinlich, zu Helene Fischer zu stehen.

Greenberg, der selbst ausgebildeter Jazzsaxofonist ist, versuchte in einer groß angelegten Untersuchung, diese Probleme zu umgehen. In einer ersten Teilstudie fragte er 76 Probanden, welche Qualitäten sie jeweils 25 Stücken zuschrieben. Anschließend dampfte er diese Einschätzungen statistisch auf drei Dimensionen ein. Diese treffen unabhängig von Genres zu. Demnach gibt es, erstens, körperlich anregende Musik (Dimension arousal), zweitens geistig tiefgründige Musik (depth), und drittens Musik, die Emotionen und Stimmung beeinflusst (valence).

Persönlichkeit verrät mehr als Alter, Bildung und Einkommen

In einem weiteren Schritt spielte Greenberg mehr als 9000 Internetnutzern kurze Klangschnipsel vor. Außerdem füllten die Teilnehmer Persönlichkeitsfragebögen aus. Diese Daten setzte der Wissenschaftler miteinander in Verbindung. Seine Schlussfolgerung: Verträgliche und gewissenhafte Personen mögen es ruhig. Sie lehnten intensive, anregende Musik eher ab. Labile Neurotiker lauschten lieber Klängen, die die Stimmung weiter verdüstern. Menschen, die besonders offen für neue Erfahrungen sind, neigen Greenberg zufolge zu tiefgründiger, aber auch zu positiver, stimmungsaufhellender Musik. Dabei erklärte die Persönlichkeit die Vorlieben besser als etwa Alter, Bildung und Einkommen.

JK

David M. Greenberg u. a.: The song is you: Preferences for musical attribute dimensions reflect personality. Social Psychological and Personality Science, 7/6, 2016, 597-605. DOI: 10.1177/1948550616641473 (Abstract)

Dieser Beitrag ist in der aktuellen August-Ausgabe von Psychologie Heute erschienen, Titelthema: Die Harmonie-Lüge: Zu viel Einigkeit lähmt. Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

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