www.psychologie-heute.de | OnlineNews, Topthema vom 27.7.2010

Unser innerer Kompass

Der Mensch ist ein egozentrisches Wesen – zumindest was seine Orientierung im Raum angeht. In den meisten Kulturen verwenden Menschen Begriffe wie rechts, links und geradeaus, wenn sie Richtungsangaben machen. Der Bezugspunkt ist dabei immer der Sprecher. Doch diese Rechts-links-Orientierung ist keineswegs angeboren. Viele ursprünglich lebende Völker orientieren sich an den Himmelsrichtungen – genauso wie kleine Kinder.

Im Alltag dieser Völker hört sich das so an: „Der Löffel liegt westlich von der Schüssel.“ „Da ist eine Fliege auf deinem südlichen Arm." Oder: „Rück mal ein bisschen nach Osten.“ In rund einem Drittel der weltweit 6000 Sprachen kommen solche Äußerungen vor.

Was beim ersten Hören lustig klingt, hat weitreichende Konsequenzen für den Orientierungssinn. Der Sprachwissenschaftler Stephen Levinson vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen unternahm vor einigen Jahren Wanderungen durch den australischen Busch, begleitet von einigen Aborigines vom Stamm der Guugu Yimithirr. Nach einigen Stunden bat er sie, ihm mit Gesten zu zeigen, wo ihre Siedlung liege und wo er sein Auto geparkt habe. Obwohl sie mitten im Dickicht standen, sich also nicht an markanten Landmarken orientieren konnten, stimmten die Angaben der Aborigines, wie Levinson mithilfe seines Kompasses feststellte. Den benötigen die Guugu Yimithirr nicht, sie tragen ihn ganz offensichtlich bereits in sich.

Betrachtet man umgekehrt die Völker, die sich über das Rechts-links-System orientieren, fällt schnell auf, wie problembehaftet dieses ist. Es beginnt schon im Kindesalter: Viele Eltern haben ihre liebe Not damit, ihren Sprösslingen den Unterschied zwischen links und rechts begreiflich zu machen. Der scherzhafte Spruch „Rechts ist da, wo der Daumen links ist“ verdeutlicht, wie oft es zu Verwechslungen kommt.

Wenn aber unser System so kläglich versagt, stellt sich die Frage, ob die Orientierung an den Himmelsrichtungen nicht das evolutionär ältere Verfahren ist. Der Kognitionspsychologe Daniel Haun vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Er untersuchte die Orientierungsstrategien von sechs verschiedenen Teilnehmergruppen: Menschenaffen, vierjährigen Deutschen, achtjährigen Holländern, erwachsenen Holländern sowie achtjährigen und erwachsenen Mitgliedern vom Stamm der Hai||om, einer Jäger-und-Sammler-Kultur in Nordnamibia (das „||“ steht für einen speziellen Schnalzlaut).

In einigen Punkten entsprach das Ergebnis den Erwartungen der Forscher. Die achtjährigen und die erwachsenen Holländer dachten auf ihre eigene Person bezogen. Die Hai||om hingegen betrachteten den Gegenstand nur im Verhältnis zu seiner Umgebung. Auch die Affen bevorzugten diese Strategie. Völlig überraschend beobachtete der Wissenschaftler jedoch, dass auch die vierjährigen deutschen Kinder sich an der Umgebung ausrichteten.

Das lässt nach Ansicht von Daniel Haun nur einen Schluss zu: „Die Rechts-links-Strategie ist eine kulturelle Konvention, die wir früh von unseren Eltern beigebracht bekommen. Doch evolutionär im Menschen angelegt ist vorrangig die Orientierung an der Umgebung und den Himmelsrichtungen.“

Bei kleinen Kindern, denen die Rechts-links-Strategie noch nicht antrainiert worden ist, funktioniert dieser innere Kompass noch, wie ein Experiment der Wesleyan University in Connecticut zeigt. Die Forscher erklärten vierjährigen amerikanischen Kindern in einem geschlossenen Raum anhand von Zeigespielen, wo Norden und Süden waren. Auf einer anschließenden Wanderung durch die Flure des Instituts konnten 84 Prozent der kleinen Probanden problemlos angeben, wo sich diese beiden Himmelsrichtungen befanden – obwohl die Kinder immer wieder um 180 Grad gedreht worden waren.

Die Entwicklung des Rechts-links-Systems könnte nach Ansicht von Haun der gleichförmigen städtischen Umgebung geschuldet sein, in der man sich die meiste Zeit zwischen Hauswänden bewegt. „In einer Umgebung ohne freien Blick könnte die Orientierung sich auf den eigenen Körper verlagert haben.“

27. Juli 2010
Quelle: wissenschaft.de; Bild: Getty Images

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