Im unmittelbaren Umfeld der renaturierten ehemaligen Industriebrachen im Ruhrgebiet leben viele türkische Migranten. Doch sie nutzen die neuen „Industriewälder“ nur in geringem Umfang, wie nun in einer vom nordrhein-westfälischen Umweltministerium initiierten Studie ermittelt wurde. Die Forscher stellten fest: Gefragter als verwilderte, naturbelassene Wälder sind bei Türken gepflegte, hergerichtete Grünflächen mit Wegenetzen, Sitzgelegenheiten und Brunnen.
Die Wissenschaftler am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie der Universität Bochum und am Institut für Geographie und ihre Didaktik der Universität Dortmund untersuchten die Industriewaldflächen Rheinelbe, Graf Bismarck und Hansa in Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund. Sie befragten insgesamt 230 Bewohner mit türkischem Migrationshintergrund. Workshops mit den Bewohnern der Viertel ergänzten die Befragung.
Wie sich herausstellte, nutzen Befragte mit eigenem Garten die öffentliche Stadtnatur nur selten. „Wenn ein Garten da ist, habe ich nicht das Bedürfnis, woanders hinzugehen“, sagte ein Interviewter. Allerdings gibt es Generationenunterschiede: Während die erste Migrantengeneration den eigenen Garten bevorzugt, nutzen die zweite und dritte Generation intensiver die öffentliche Stadtnatur zur Erholung, Entspannung und zum Sporttreiben. Türkische Frauen und Mädchen betreten die Naturflächen in der Stadt selten alleine; dies betrifft insbesondere die Industriewälder.
Der liebste öffentliche Ort der türkischen Einwanderer ist der Park. Hingegen ist die Akzeptanz von verwilderter Natur gering. „Die Natur muss man ordnen und herrichten“, gab ein Befragter zu Protokoll. Entsprechend werden die Industriewaldflächen – mit Ausnahme von Rheinelbe – wenig angenommen.
Als Gründe führten die Befragten an, dass ihnen Gestaltungselemente und Ausstattungsmerkmale wie etwa Spielplätze und Grillgelegenheiten fehlen. Natur in der Stadt wird – auch im Herkunftsland Türkei – oft mit gestalteter Natur in Form von Parkanlagen gleichgesetzt. Verwilderte Flächen sind weniger beliebt. Ein großer Teil der Befragten wünschte sich denn auch eine Umgestaltung der Industriewaldflächen zu Parkanlagen mit Wegenetzen, Sitzgelegenheiten und Brunnen.
Die Forscher schlagen vor, die türkischstämmigen Anwohner künftig stärker in die Planung von Erholungsgebieten einzubeziehen. Dies müsse der Konzeption des „Industriewaldes“ keineswegs widersprechen, meint Orhan Güles vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie. „Beispielsweise könnten markierte umgefallene Baumstämme als Sitzgelegenheiten in kreativer Art und Weise in das Konzept integriert werden.“