Es ist doch wohl eine „ausgesprochen überraschende Tatsache, dass eindrucksvolle Träume bald nach dem Erwachen sich oft völlig der Erinnerung entziehen“, finden Thomas Köhler und Jörg Peretzki. Und die beiden Psychologen von der Universität Hamburg finden ferner, dass Sigmund Freud in seinem Buch „Die Traumdeutung“ – dem Grundstein seiner psychoanalytischen Theorie – eine überzeugende Erklärung für dieses Phänomen geliefert hat: Nach Freud sind Träume ein verschlüsselter Ausdruck verdrängter Wünsche. Weil uns Träumenden diese oft sexuell gefärbten Wünsche unangenehm und peinlich seien, verdrängten wir solche anstößigen Elemente des Traums rasch wieder und schöben sie zurück ins Unbewusste.
So weit, so gut – doch wo bleiben die Belege für die Verdrängungshypothese? Köhler und Peretzki haben nun auf experimentellem Wege nach Indizien gesucht. Sie gingen dabei von der Überlegung aus, dass gerade solche Traumbilder, an die sich ein Mensch nach einiger Zeit nicht mehr erinnern kann (und die er demnach mutmaßlich verdrängt hat), psychische Widerstände auslösen müssten, sobald man ihn erneut mit diesen verdrängten Trauminhalten konfrontiert und sie in seinem Bewusstsein arbeiten lässt. Zu eben jenem Zweck – der Arbeit entlang der Grenze zum Verdrängten – hatte Freud seine Methode der „freien Assoziation“ erfunden, derer sich nun auch die beiden Experimentatoren aus Hamburg bedienten.
An dem Versuch nahmen zwanzig Studentinnen und zehn Studenten teil. Sie waren allesamt unverdächtig, aus purer Loyalität gegenüber der Freudschen Methode die „gewünschten“ Befunde zu produzieren, denn „keiner hatte sich je einer Psychoanalyse unterzogen“. Allerdings wurden sie vor dem Experiment eigens mit der Technik der freien Assoziation vertraut gemacht: Der Versuchsleiter nannte ihnen jeweils ein (Traum-)Stichwort, und die Probanden schauten nach, was ihnen direkt zu diesem Stichwort einfiel, welche Assoziationen diese Einfälle ihrerseits weckten und so fort. Nachdem dies geübt worden war, kam die nächste Aufgabe: Eine Woche lang sollten die Teilnehmer jeweils unmittelbar nach dem Erwachen alle ihre Träume der vergangenen Nacht niederschreiben, „und zwar alles, was sie auch nur unklar erinnern konnten“. Diese Protokolle übergaben sie am Ende den Versuchsleitern. Diese extrahierten aus den niedergeschriebenen Erlebnissen 30 Traumelemente, die sie jeweils mit einem kurzen Stichwort benannten (fiktive Beispiele: „Kapuzenmann“ oder „Blumenwiese“).
In der folgenden Sitzung wurden den Versuchspersonen nun diese Traumstichworte – und zur Kontrolle auch noch vergleichbare Kennwörter aus Träumen anderer Personen – vorgelesen, und die Untersucher notierten, an welche Elemente ihrer wöchentlichen Traumsammlung sich die Studentinnen und Studenten jeweils noch erinnern konnten und welche ihnen bereits aus dem Gedächtnis entschwunden waren.
Zwei Tage später fand dann das eigentliche Experiment statt. Die Teilnehmer hörten nun abwechselnd jeweils fünf Traumstichworte, an die sie sich noch erinnert hatten, und fünf Elemente, die ihnen entfallen waren. Sie hatten nach jedem Stichwort zwei Minuten Zeit, um darüber frei (allerdings stumm) zu assoziieren und ihre Gedanken schweifen zu lassen. Währenddessen maßen Elektroden am kleinen Finger ihrer linken Hand die Hautleitfähigkeit – in der Psychophysiologie ein bewährtes Maß für die momentane physiologische und emotionale Erregung eines Menschen.
Wie sich herausstellte, hatten jene Traumelemente, an die sich die Teilnehmer nicht mehr erinnern konnten, eine größere Wirkung als die Traumbilder, die ihnen noch vertraut waren. Diese Stichwörter lösten eine stärkere physiologische Erregung aus, die während der Assoziationsphase tendenziell sogar noch zunahm. Beides passt nach Auffassung der beiden Psychologen perfekt zu den Annahmen der Freudschen Verdrängungstheorie, denn: „Im Sinne dieser Theorie müsste der Widerstand während des Assoziationsprozesses zu Traumstücken von vornherein hoch sein und rasch wachsen, wenn sich die produzierten Assoziationen dem Verdrängten nähern.“ Und genau so lassen sich die Ergebnisse des Experimentes erklären: Je länger die Probanden zu den vergessenen Traumbildern assoziierten, desto stärker näherten sie sich dem Verdrängten und desto kribbeliger wurde ihnen.
Weniger kompatibel mit Freud ist allerdings ein Nebenbefund des Experiments: Die Versuchspersonen sollten während des Assoziierens immer dann auf eine spezielle Taste drücken, wenn sie bei ihren Gedankenverknüpfungen „Unlust“ empfanden. Diese Tastendrucke wurden auf dem Polygrafen als „Eventmarker“ verzeichnet. Wie die Auswertung nun aber ergab, standen diese Unlustempfindungen in keinerlei Zusammenhang damit, ob die Probanden gerade zu einem erinnerten oder aber einem vergessenen, also vermeintlich „verdrängten“ Traumelement assoziierten. Laut Freud aber hätten die Gedankenpatrouillen entlang dem Verdrängten deutlich unangenehmer ausfallen müssen.
Man kann also die Schlussfolgerung von Köhler und Peretzki durchaus anzweifeln, wonach in ihrem Traumexperiment Widerstand und Verdrängung am Werk gewesen sein müssen. Vielleicht war es für die Versuchspersonen schlicht aufregender, den halbverfallenen Gedächtnisspuren einer bereits vergessen geglaubten Traumsequenz nachzuspüren, als über eine wohlvertraute Traumerinnerung zu sinnieren.