www.psychologie-heute.de | OnlineNews, Emotion & Kognition

Unser biografisches Gedächtnis
wandelt sich mit den Jahren

Im Alter kommen uns subjektive Erinnerungen wie objektive Fakten vor

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Oder wie Sie das Abitur bestanden haben? Wahrscheinlich schon, und wahrscheinlich fällt Ihnen dann auch sofort ein, wie Sie sich damals gefühlt haben, ob es schön oder schrecklich, lustig oder traurig war. Anders als unser sachliches Wissen über die Welt verbinden sich unsere persönlichen Erinnerungen immer auch mit Stimmungen und Emotionen. Wir merken uns nicht, in welcher Situation wir gelernt haben, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, aber unsere erste Reise nach Paris als Frischverliebte wird uns als romantisches Erlebnis noch sehr präsent sein – im so genannten autobiografischen Gedächtnis.

Ein interdisziplinäres Team um den Sozialpsychologen Harald Welzer vom Wissenschaftszentrum NRW und den Neurowissenschaftler Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld stellte jetzt erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Erinnerung und Gedächtnis“ vor. Die Wissenschaftler kombinierten dabei verschiedene Erhebungsmethoden: Mit Interviews und Gedächtnistests spürten sie den sozialen und kulturellen Dimensionen des Erinnerns nach; bildgebende Verfahren dokumentierten, welche Hirnregionen jeweils aktiviert wurden. Die Untersuchungen zeigten unter anderem, dass das autobiografische Gedächtnis je nach Lebensalter unterschiedlich arbeitet.

Die Tests an jungen Erwachsenen im Alter von 20 Jahren gaben Aufschluss darüber, wie Erinnerungen aus bestimmten Lebensphasen im Gehirn repräsentiert werden. Während die Testpersonen im Kernspintomografen lagen, wurden ihnen ihre persönlichen Erlebnisse vom Tonband vorgespielt, die sie zuvor in einem Interview erzählt hatten: aus dem Kindergartenalter, der Grundschulzeit, der Pubertät und der jüngsten Vergangenheit. Ein Ergebnis: „Es fanden sich Indizien dafür, dass das autobiografische Gedächtnis erst nach den ersten drei Lebensjahren entsteht – davor fallen alle Erlebnisse der so genannten kindlichen Amnesie zum Opfer“, erläutert Welzer.

Ferner zeigte sich, dass das autobiografische Gedächtnis erst nach dem sechsten Lebensjahr zu einem spezifischen Verarbeitungsmodus findet. Dann erst bilden sich biografische Erinnerungen in einem spezifischen Bereich in der Mitte des Stirnhirns ab. Dieses Areal wird beim Abruf von Fakten nicht aktiviert, scheint also spezifisch die eigene Biografie zu verankern.

Untersuchungen mit 16-Jährigen machten deutlich: In der Pubertät gleichen sich während des Erinnerns die Aktivierungsintensitäten des autobiografischen und des semantischen, für Sachwissen zuständigen Gedächtnisses an. Die Forscher erklären sich das damit, dass für die Jugendlichen die Wissensaneignung und die Ausbildung der Identität Hand in Hand gehen – der Aktivitätsunterschied zwischen den beiden Gedächtnissystemen verringert sich folglich.

Ein weiteres Phänomen der altersspezifischen Gedächtnisverarbeitung hat mit der unterschiedlichen Erinnerungsdichte je nach Lebensphase zu tun: „Bei über 60-Jährigen zeigt sich, dass die Erlebnisse aus der Zeit des jungen Erwachsenenalters am stärksten Netzwerke aktivieren. Denkt man an die vergangenen zwei Jahre, so löst dies hingegen kaum Aktivität aus“, so Markowitsch.

Die Erinnerungen an die wichtige Zeit des Einstiegs ins Erwachsenenalter nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Sie türmen sich zu so genannten Erinnerungsbergen. In diesem Alter tun Menschen vieles zum ersten Mal: Sie verlieben sich, ergreifen einen Beruf, ziehen zu Hause aus, heiraten. Die Gefühle sind dabei als Gedächtnisverstärker aktiv. Sie filtern, bewerten und heben hervor, was erinnert werden soll.

Noch eine zweite Tendenz ließ sich beobachten: Je weiter die Erinnerung in der Vergangenheit liegt, desto mehr distanziert man sich emotional von ihr. „Erinnerungen verändern sich mit jedem Abruf“, erklärt Markowitsch. Sie werden auf diese Weise auch resistenter gegenüber Veränderungen und Reflexionen. „Der ältere Mensch behandelt sie wie Faktenwissen und nicht mehr so sehr wie ein persönliches Erlebnis“, ergänzt Welzer. „Neurobiologisch gibt es demnach eine Erklärung dafür, warum Zeitzeugen eine Sicht auf die selbst erlebte Geschichte haben, die den historischen Fakten nicht unbedingt entspricht.“

13. Dezember 2006
Quelle: idw

Neu: die News durchblättern

Sie haben etwas Zeit und möchten einfach mal so durch die Meldungen blättern? Klicken Sie dazu auf „Vorwärts“ (= neuerer Beitrag) oder „Rückwärts“. Sie bleiben beim Blättern immer im gleichen Themenbereich.

Älteres Heft gesucht?

In unserem Shop erhalten Sie alle noch lieferbaren Hefte ab dem Jahrgang 2000.
Und in unserem Archiv finden Sie Artikel ab dem Jahrgang 1996.

Immer gut
informiert!

Am Erscheinungstag eines neuen Heftes informiert Sie unser Newsletter über dessen Inhalte. Wenn Sie möchten, erhalten Sie ihn auch nur, sobald ein neues Sonderheft in der Reihe „Compact“ erscheint. Sie selbst bestimmen das bei der Anmeldung und können es später jederzeit ändern.

Abos weltweit!

Psychologie Heute können Sie in jedem per Post erreichbaren Land abonnieren und das Abo auch von jedem Land aus in ein anderes verschenken. Falls mit Luftpost versandt wird, kostet das keinen Aufpreis! (Bild: NASA)
Banner: Zum aktuellen Heft
Banner: Zum Compact-Sonderheft: Die Kindheit

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen