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Das flüchtige Selbst

Etwa jeder Zehnte von uns (bei Ihnen, liebe Studenten, jeder Vierte) hatte schon einmal ein „außerkörperliches Erlebnis“. Für kurze Zeit – oft in der Übergangsphase zwischen Wachen und Schlafen – hatten diese Personen das Gefühl, ihren dahingestrecken Leib zu verlassen und dann vielleicht sogar von außen auf ihn herabzuschauen. Manche erlebten sich dabei als stoffloses Etwas irgendwo im Raum, doch etwa 30 Prozent fanden sich in ihrer Halluzination in einem zweiten Körper wieder, in dessen Gestalt sie aus ihrer alten Körperhülle heraustraten, sich aufrichteten oder waagrecht liegend in die Luft entschwebten.

Der Neurophilosoph Thomas Metzinger von der Universität Mainz studiert außerkörperliche Erlebnisse nicht bloß deshalb, weil sie solch faszinierende Bewusstseinsabenteuer sind. Er sieht in ihnen einen neuen wissenschaftlichen Zugang zur Erforschung des Rätsels, was das „Ich“ ist, wozu wir eine solche Instanz brauchen und in welcher Weise sie mit unserem Körper zusammenhängt. Zum Auftakt einer Konferenz über „Zusammenhalt und Störungen des verkörperten Selbst“ vom 13. bis 15. November an der Universität Heidelberg stellte Metzinger seine Theorie darüber vor, wie das Gehirn in unserem Bewusstsein fortwährend ein Selbst konstruiert – und welche Minimalzutaten dieses Selbst braucht.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern ersann Metzinger eine Versuchsanordnung, mit der die Probanden dazu gebracht werden konnten, ähnlich wie bei außerkörperlichen Erlebnissen in ein externes Selbst zu wechseln. Die Forscher setzten ihren Versuchspersonen eine Art Cyberspacebrille auf, die ihr Gesichtsfeld völlig ausfüllte. Die virtuelle Umgebung, die die Brille den Teilnehmern zeigte, war identisch mit dem realen Raum, in dem sie sich befanden – bloß die Perspektive war eine andere: Die Probanden sahen sich selbst aus dem Blickwinkel einer hinter ihnen postierten Kamera. Die Versuchspersonen beobachteten sich also dabei, wie sie sich selbst beobachteten. Sie waren sozusagen ihr eigener „Avatar“.

Was geschah? Ein Teil der Probanden wechselte mit der Perspektive kurzerhand auch ihren Selbstrepräsentanten: Es schien ihnen, als „springe“ ihr Selbst in den Avatar vor ihnen über – er, nicht der reale Körper, war nun der Träger ihres Ich. Thomas Metzinger schließt aus diesem und ähnlichen Experimenten, dass unser Gehirn keinen realen Körper braucht, auf den es das Selbst projizieren kann – es genügt eine beliebige Körperrepräsentation, solange sie der eigenen Handlungskontrolle unterliegt.

Wie sehr das subjektive Körperselbst von dem realen Körper abweichen kann, erläuterte der Neuropsychologe Yves Rossetti von der Universität von Lyon in seinem Vortrag. Rossetti arbeitet mit Patienten, die an einem „Neglectsyndrom“ leiden. Diese Menschen haben meist einen Schlaganfall in der rechten Hirnhälfte erlitten und ignorieren seit dieser Schädigung weitgehend, was in der linken Hälfte ihres Gesichtsfeldes und ihres Körpers vor sich geht. Patienten mit einer „Anosognosie“ leugnen sogar beharrlich, dass ihre linke Hand oder eine andere Extremität ihnen selbst gehört, und empfinden diese nicht als Teil ihres Körpers.

Rossetti demonstrierte anhand von Experimenten, dass sich solche Abspaltungen eigener Gliedmaßen vom Körperselbst im Ansatz auch bei gesunden Versuchspersonen provozieren lassen – zum Beispiel indem man ihnen die eigene beziehungsweise eine fremde Hand nur für Sekundenbruchteile zeigt und damit den Informationsfluss zwischen Sinnesorganen und Gehirn drastisch einschränkt. Unter diesen erschwerten Bedingungen reagierten die Probanden ähnlich wie die Anosognosiepatienten: Unter dem Motto „Im Zweifel für das Nicht-Ich“ erkannten sie die Hand nicht als ihre eigene an.

Eine Hand mag man ausklammern können, aber ganz ohne Körper funktioniert das subjektive Selbst nicht, wie Dan Zahavi vom „Zentrum für Subjektivitätsforschung“ der Universität Kopenhagen erläuterte. Sogar das subtile „Kernselbst“ – jene Ichhaftigkeit, die „Erste-Person-Perspektive“, die alle unsere Empfindungen begleitet – ist seiner Ansicht nach keineswegs so körper- und ausdehnungslos, wie manche Philosophen behauptet haben.

Doch auch der Körper, so Zahavi, macht noch lange nicht das ganze Selbst aus. Dieses sei ein facettenreiches, kompliziertes Gebilde. Es beinhaltet zum Beispiel auch unsere „Erzählungen“ – die Art, wie wir uns selbst beschreiben, die Geschichten, die wir von uns machen. Vor allem aber umfasst Zahavis „relationales Selbst“ die Fähigkeit, uns in andere Menschen einzufühlen und uns selbstkritisch mit deren Augen zu sehen.

Der Neurophilosoph Daniel Hutto von der Universität von Hartfordshire in England, der auf dem Heidelberger Kongress die Rolle des Advocatus Diaboli übernahm, kann da nur schmunzeln. Er ist überzeugt davon, dass der Mensch und andere Organismen keine komplizierten „inneren Repräsentationen“ ihrer Mitlebewesen brauchen, um mit ihnen sinnvoll umgehen zu können. Es reiche vollkommen aus, wenn sie die Ausdruckssignale ihrer Gegenüber korrekt zu deuten und angemessen darauf zu reagieren verstünden. Huttos Anticredo: „Ich glaube überhaupt nicht an mentale Repräsentationen!“

Der Heidelberger Kongress wurde im Rahmen des interdisziplinären EU-Forschungsprojektes DISCOS (disorders and coherence of the embodied self) veranstaltet, an dem Wissenschaftler aus sieben europäischen Ländern beteiligt sind. Näheres dazu unter:
www.discos-rtn.eu
Von Thomas Saum-Aldehoff
14. November 2008

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