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Links ist die Schokoladenseite

Menschen richten ihre Aufmerksamkeit tendenziell auf die linke Hälfte ihres Gesichtsfelds. Bisher nahm man an, dass dies eine Eigentümlichkeit des hochentwickelten menschlichen Gehirns sei. Nun aber stellt sich heraus, dass auch viel primitivere Lebewesen unsere Linksvorliebe teilen. Sie scheint ein recht urtümliches Merkmal zu sein.

Forscher machten bislang für die menschliche Liebesaffäre mit der linken Seite der Welt das Corpus Callosum verantwortlich, ein dickes Bündel von Nervenfasern, welches im Gehirn für die schnelle Vermittlung von Informationen zwischen den Hirnhälften sorgt. Ein Team von Bochumer Biopsychologen um Bettina Diekamp wies jetzt aber gemeinsam mit italienischen Kollegen die charakteristische Linksvorliebe auch für zwei Vogelarten nach – und Vögel haben kein Corpus Callosum. „Der Grund für die einseitige Aufmerksamkeit muss also woanders liegen“, folgert die Wissenschaftlerin, „und sie muss sich schon entwickelt haben, bevor sich Vögel und Säugetiere voneinander wegentwickelt haben, also vor mehr als 250 Millionen Jahren.“

Stellt man gesunde Menschen vor die Aufgabe, auf einem Blatt mit sehr vielen in Reihen platzierten Buchstaben nur alle „E“ und „R“ anzustreichen, wählen sie häufiger die Zielbuchstaben auf der linken Seite aus und übersehen mehr von ihnen auf der rechten Seite: Die Aufmerksamkeit richtet sich also eher nach links, ein als „Pseudoneglect“ bekanntes Phänomen. Optische Eindrücke auf der linken Seite, die wir mit dem linken Auge wahrnehmen, werden von der rechten Gehirnhälfte verarbeitet. Ist diese Gehirnhälfte geschädigt, haben die Betroffenen weit größere Schwierigkeiten, sich zu orientieren, als nach Schädigungen der linken Hirnhälfte.

Um den Effekt zu ergründen, ließen die Forscher Tauben und Hühner aus einer Ansammlung von Körnern picken, die gleichmäßig vor ihnen verteilt waren. Die Tiere waren bei dem Versuch in der Mitte der Auswahlfläche fixiert. Beide Vogelarten entschieden sich häufiger für die Körner zu ihrer Linken und neigten dazu, die rechts liegenden Körner zu übersehen. Sie zeigen also genau wie Menschen den Pseudoneglect. Diese Asymmetrie in der Wahrnehmung muss sich also relativ früh in der Evolutionsgeschichte entwickelt haben. Aber aus welchem Grund?

„Die Frage ist, warum die Vögel sich bei der Futtersuche auf die linke Seite konzentrieren, obwohl das ökonomisch unsinnig ist“, wundert sich Bettina Diekamp. Wahrscheinlich arbeitet ein asymmetrisch spezialisiertes Gehirn effizienter. Je stärker die Asymmetrie im Gehirn ausgeprägt ist, desto besser sind Vögel in der Lage, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, etwa Futter zu finden und dabei wachsam auf Feinde zu achten. Die Fähigkeit zur parallelen Verarbeitung verschiedener Aufgaben könnte somit die Grundlage für die evolutionäre Entstehung der Funktionsasymmetrien des Gehirns darstellen.

Bisher war man davon ausgegangen, dass nur wir Menschen über Links-rechts-Unterschiede unserer Hirnfunktionen verfügen und dass diese Eigenschaft einen Teil unserer denkerischen Überlegenheit ausmacht. Die Ergebnisse aus der Biopsychologie lassen nun aber vermuten, dass wir dieses Merkmal von unseren evolutionären Vorläufern geerbt und nicht neu entwickelt haben.

Die Forschungsergebnisse der Bochumer Biopsychologen sind in der Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology vom 24. Mai 2005 veröffentlicht.
24. Mai 2005
Quelle: idw

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