Verträgliche und umgängliche Leute kommen bei ihren Mitmenschen gut an – doch im Extremfall kann zu viel Verträglichkeit schlicht Feigheit bedeuten. Menschen, die aufgeschlossen gegenüber Neuem sind, wirken interessant – doch im Übermaß erweckt solcherlei Offenheit den Eindruck von Beliebigkeit. Zwei Beispiele für eine Gesetzmäßigkeit, die offenbar auf die meisten menschlichen Persönlichkeitseigenschaften zutrifft: „Mehr desselben ist oft besser – aber es kann auch zu viel sein!“ Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universität Halle-Wittenberg in einer Studie über „das optimale Level von Persönlichkeitszügen“.
Persönlichkeitsmerkmale werden meist auf Skalen mit zwei extremen Polen dargestellt, zum Beispiel „Introversion“ am einen und „Extraversion“ am anderen Ende. Jeder Mensch hat auf dieser Skala seinen individuellen Wert irgendwo zwischen den beiden Extremen. Wie Peter Borkenau, Katrin Zaltauskas und Daniel Leising nun in ihrer neuen Studie festgestellt haben, sind diese beiden Pole im allgemeinen Werturteil nicht gleichermaßen angesehen: Eine der beiden Ausprägungen gilt als „günstiger“. Beispielsweise stehen Menschen mit extravertierten Zügen wie Geselligkeit und Fröhlichkeit höher im Kurs als schweigsame Introvertierte. Doch zu viel des Guten ist auch nicht recht. „Obwohl auf den meisten Persönlichkeitsdimensionen eines der beiden Extreme erstrebenswerter ist als das andere, spiegelt keines von ihnen das vorteilhafteste Niveau des betreffenden Persönlichkeitszugs“, so die Forscher aus Halle.
Für ihre Untersuchung teilten sie 304 Studentinnen und Studenten in Kleingruppen mit jeweils vier Teilnehmern auf, die sich untereinander gut kannten. Die Probanden hatten nun die Aufgabe, sich selbst und ihre drei Gruppenpartner unter anderem anhand von Eigenschaftsskalen zu beschreiben. Außerdem gaben sie jeweils an, welche Ausprägung der betreffenden Eigenschaft sie für optimal hielten.
Wie sich herausstellte, wurde bei allen der fünf großen Basisdimensionen der Persönlichkeit („Big Five“) einer der beiden Pole von den Teilnehmern günstiger beurteilt als der andere: „Emotionale Stabilität“ wurde mehr geschätzt als neurotische Mimosenhaftigkeit; Extraversion war beliebter als Introversion; interessierte Offenheit schlug langweiligen Konformismus; Verträglichkeit zählte mehr als ruppiger Egoismus; Gewissenhaftigkeit wurde Unzuverlässigkeit vorgezogen. Doch in allen fünf Grundzügen der Persönlichkeit erachteten die Teilnehmer auf einer sechsstufigen Skala nicht den extremsten Wert für den günstigsten, sondern jeweils den zweithöchsten: Auch was die Persönlichkeit von uns selbst und unseren Mitmenschen angeht, mögen wir es offenbar gemäßigt und nicht zu radikal.
Diese Erkenntnis hat auch wichtige praktische Konsequenzen für die Persönlichkeitsdiagnostik. Persönlichkeitsfragebögen gelten als leicht zu „fälschen“, denn sie basieren auf Selbstbeschreibungen und damit auf der Ehrlichkeit der Befragten dem Untersucher und sich selbst gegenüber. Ob ein Proband unehrlich antwortet und sich besonders dreist in einem günstigen Licht darstellt, versuchen Diagnostiker daher traditionell mit Fangfragen und speziellen Fragebögen aufzudecken. Die Crux dabei: Diese Instrumente basieren auf der Annahme, dass ein unaufrichtiger Proband, der Eindruck schinden will, sich am Extrempol einer günstigen Eigenschaft darstellen wird: extrem ehrlich, extrem verlässlich, extrem kooperativ. Wenn jemand solche Extremurteile über sich abgibt, gilt er den Diagnostikern nach gängiger Praxis als suspekt.
Das muss aber nicht zutreffen. Im Gegenteil: Eine extreme Selbstdarstellung kann sogar Zeichen einer ausgesprochen selbstkritischen Sicht sein, wie die Persönlichkeitsforscher aus Halle am Beispiel einer fiktiven jungen Frau namens Cherry demonstrieren. Im Urteil ihrer Freunde erhält Cherry auf der Skala „Gesprächigkeit“ fünf von sechs möglichen Punkten: ziemlich eloquent. Sie selbst bewertet sich aber nun mit sechs, der höchsten Punktzahl. Überschätzt sie sich also? Will sie angeben? Nach traditioneller Lehrmeinung müsste man das annehmen, denn Cherry macht sich in einer günstigen Eigenschaft besser, als sie ist. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass das allgemein als optimal betrachtete Niveau von Gesprächigkeit nicht bei sechs, sondern bei fünf Punkten liegt, muss man zu einem ganz anderen Schluss kommen: Cherry sieht sich überkritisch. Sie hält sich nicht für angenehm beredt, sondern für unangenehm geschwätzig.
Von den realen Versuchspersonen in Halle stellten sich allerdings nur wenige so extrem dar wie Cherry: Die meisten schrieben sich selbst auf dem günstigen Ast der Persönlichkeitsskala einen etwas weniger ausgeprägten Wert zu als jenen, mit dem sie ihre drei Gruppenkumpane im Schnitt charakterisierten. Nach traditioneller Lesart wäre dies ein Zeichen wahrer Bescheidenheit: Die Teilnehmer bewerteten ihre Freunde günstiger als sich selbst!
Wie jedoch die weitere Auswertung ergab, traf eher das Gegenteil zu: Betrachtet man nämlich jenen Punkt auf der Persönlichkeitsskala, den die Betreffenden selbst als „optimal“ ansehen, und schaut nun nach, wie weit die Selbsteinschätzung und die Einschätzung der anderen von diesem Punkt entfernt liegen, dann stellt sich heraus: Sich selbst stuften die Teilnehmer näher am Optimum ein als ihre Freunde. Offenbar neigen wir eben doch alle dazu, uns selbst ein wenig günstiger zu sehen – oder zumindest nach außen hin darzustellen –, als wir in Wirklichkeit sind.