Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken und wohin wir unseren Blick richten, unterliegt nicht uneingeschränkt unserer bewussten Kontrolle. Der Blick von Phobikern zum Beispiel wird geradezu magisch von dem Objekt ihrer Ängste angezogen, und es kostet sie einige Willensanstrengung und Zeit, ihn von dort wegzulenken.
Das haben Psychologen der Universität Jena in einer Studie festgestellt, die jetzt in der Fachzeitschrift Emotion veröffentlicht wurde. Als Versuchspersonen rekrutierten die Forscher 26 Studenten, von denen die Hälfte an einer „Arachnophobie“ – einer unkontrollierbaren Furcht vor Spinnen – litt. Auf einem Computerbildschirm wurde den Teilnehmern ein Muster von 16 Bildchen gezeigt, die allesamt Blumen zeigten, außer zweien: Auf einem der Felder war eine wohlproportionierte graubraune Spinne zu sehen, auf einem anderen ein ebenso graubrauner, aber beim besten Willen nicht furchteinflößender Pilz.
Die Probanden hatten nun abwechselnd die Aufgabe, die Spinne zu fixieren und den Pilz zu ignorieren oder umgekehrt. Sobald sie ihr Ziel im Auge hatten, sollten sie eine Taste drücken. Eine besondere Vorrichtung registrierte während des Bilderabsuchens zusätzlich die Blickrichtung der Studenten. Das Ergebnis war eindeutig: Die Spinnenphobiker brauchten drei Zehntelsekunden länger als ihre Kommilitonen, um ihren Blick auf den Pilz zu lenken; und sie waren umgekehrt drei Zehntelsekunden schneller, wenn es galt, die Spinne zu fixieren. Das gefürchtete Krabbeltier zog die Aufmerksamkeit der Phobiker also förmlich auf sich.
Untersuchungsleiter Wolfgang Miltner schließt aus diesen Befunden, dass Aufmerksamkeitsprozesse bei Menschen mit starken Ängsten teilweise von unbewussten Instanzen gesteuert werden, die nicht der Willenskontrolle unterliegen. „Kognitive“, auf Einsicht und Bewertung zielende Psychotherapiemethoden seien daher bei solchen Störungen nicht sehr erfolgversprechend. Aussichtsreicher seien therapeutische Techniken, die unbewusste Mechanismen der Emotionssteuerung beeinflussen, wie das etwa bei der allmählichen physiologischen Gewöhnung an einen angsterzeugenden Reiz geschieht.
Therapeuten, schlägt Miltner vor, könnten den Jenaer Blicktest oder ähnliche Verfahren einsetzen, um vor dem Abschluss einer Behandlung den Therapieerfolg zu kontrollieren: Schweift der Blick des Phobikers nach der letzten Therapiesitzung noch immer in Richtung des Angstobjektes ab, sollte er mit seinem Therapeuten besser rasch ein paar weitere Sitzungen vereinbaren …