Nach einer Theorie des amerikanischen Psychiaters Ernest Hartmann geht es in menschlichen Köpfen unterschiedlich geordnet zu. Manche Menschen haben eine klare „psychische Grenzstruktur“ (boundaries in the mind): Die Module ihrer Psyche arbeiten weitgehend separat, die Betreffenden denken und fühlen in festen Kategorien und bevorzugen logische Operationen gegenüber bildhaften Metaphern. Ein Bewusstseinsinhalt folgt dem anderen, sauber aufgereiht wie auf einer Perlenkette.
Chaotischer und „kreativer“ geht es nach Hartmann hingegen im Bewusstsein von Personen mit weniger ausgeprägten psychischen Grenzen zu. Ihr Seelenleben erinnert an einen Film von David Lynch; es ist voller Gedankensprünge, logischer Brüche und emotionaler Ambivalenzen. „Manchmal“, so bekennen sie etwa im Fragebogen, „fühle ich mich glücklich und traurig zugleich.“ Hartmann beobachtete, dass sich Menschen mit klaren und verschwommenen psychischen Grenzen auch in ihren Träumen in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Dies hat nun die Psychologin Carolin Aumann von der Universität Düsseldorf in einer großen Onlinebefragung bestätigt. Die 1958 Teilnehmer wurden maßgeblich auch über die Website von Psychologie Heute (Rubrik „Mitmachen!“) gewonnen.
Wie sich herausstellte, träumten Personen mit dünnen psychischen Grenzen heftiger und maßen ihren Träumen mehr Gewicht bei. Sie „hielten ihre Träume für persönlich bedeutsamer, erinnerten ihre Träume häufiger und wiesen realitätsfernere Träume auf“, konstatiert Carolin Aumann. Auch Ernest Hartmann und seine Mitarbeiter an der Tufts University in Massachusetts hatten ermittelt, dass es in den Träumen von Personen mit dünnen Bewusstseinsgrenzen lebhafter, bizarrer, emotionaler und verstörender zugeht als in den nächtlichen Fantasien von Menschen mit klaren psychischen Strukturen. Zum Beispiel fanden sie sich in ihren Träumen häufiger in einer anderen Gestalt wieder, etwa als ein Tier oder eine Person des anderen Geschlechts.
Obwohl die Träume dieser Menschen häufig besonders fantastisch und unrealistisch anmuten, enthalten sie gleichwohl viele Einverleibungen von Wachelementen (etwa wenn das Klingeln des Weckers kurzerhand in die Traumhandlung eingebaut wird), wie Aumann in ihrer Befragung feststellte: Wie alle innerpsychischen Trennlinien ist bei Personen mit dünnen Bewusstseinsgrenzen laut Hartmanns Theorie eben auch die Abgrenzung zwischen Schlafen und Wachen durchlässiger als bei anderen Menschen. Sie betrachten ihre Träume nicht bloß als zu belächelnde Fantastereien, sondern nehmen sie ernst – und empfinden sie vielleicht daher nicht selten als beunruhigend: Sie erinnern sich jedenfalls häufiger an „aversive Trauminhalte“, wie Aumann feststellte.
Die Psychologin aus Düsseldorf ermittelte ferner, dass außer der psychischen Grenzstruktur noch zwei weitere Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf das Träumen hatten: Neugierige und vielseitig interessierte Personen mit hoher „Offenheit für Erfahrung“ erinnern sich häufiger an ihre Träume und halten sie für bedeutsamer als eher konventionell denkende Menschen. Auch wenig belastbare und emotional empfindliche Menschen mit hohem „Neurotizismus“ messen ihren Träumen ein höheres Gewicht bei und haben unangenehmere Träume als seelisch stabilere Zeitgenossen.
Ferner stieß Aumann in ihrer Onlinebefragung auf Traumunterschiede zwischen den Geschlechtern: „Die Frauen maßen ihren Träumen durchschnittlich deutlich mehr persönliche Bedeutung bei, hatten häufiger negative Trauminhalte, und ihre Träume wiesen mehr Inkorporationen aus dem Wachleben auf als die der Männer.“
Insgesamt jedoch, so die Untersucherin, erklären Persönlichkeit, Geschlecht, Alter und Schlafverhalten nur einen relativ kleinen Teil der Vielfalt der Trauminhalte. „Sowohl das Konstrukt der Persönlichkeit als auch Träume sind vielschichtig“, resümiert Carolin Aumann. Mit anderen Worten: Träume sind wohl doch etwas sehr Individuelles und – wie die Träumer selbst – nur schwer in Schubladen zu pressen.