Übergewicht ist ansteckend. Besonders gefährdet sind Freunde und Verwandte. Wird eine Person übergewichtig, so haben mit ihr bekannte Menschen ein erhöhtes Risiko, innerhalb der nächsten vier Jahre ebenfalls zu dick zu werden. Das haben Nicholas A. Christakis von der Harvard Medical School in Boston und James H. Fowler von der University of California in San Diego herausgefunden.
Die Forscher werteten Daten von 12.067 Erwachsenen aus den USA aus, die für eine groß angelegte Gesundheitsstudie, die Framingham Heart Study, zwischen 1971 und 2003 erhoben worden waren. In dieser Zeit waren die Teilnehmer alle zwei bis vier Jahre medizinisch untersucht worden, unter anderem auf ihr Gewicht. Mittels der Angaben zu ihrem sozialen Umfeld konnten Christakis und Fowler sich auch über Freunde und Verwandte der Probanden informieren. Viele von ihnen hatten ebenfalls an der Studie teilgenommen. Insgesamt war ein Drittel der Befragten übergewichtig, das heißt, sie hatten einen Body-Mass-Index (BMI) über 25.
Herausgekommen ist Folgendes: Wird eine Person übergewichtig, so steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst zu dick zu werden, für Menschen, die diese Person als Freund oder Freundin ansehen, um 57 Prozent. Sehen sich die Beteiligten gegenseitig als befreundet an, steigt die Wahrscheinlichkeit sogar um 171 Prozent. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Freunde Tür an Tür wohnen oder 500 Kilometer voneinander entfernt.
Wird eines von zwei oder mehreren Geschwistern zu dick, besteht für die anderen ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko, ebenfalls Fett anzusetzen. Ein ähnliches Risiko besteht für Lebenspartner. Kleine, aber messbare Effekte gibt es sogar bei zu dicken Freunden von Freunden. Übergewicht breitet sich jedoch nicht unter Nachbarn aus – es sei denn, sie sind befreundet.
Einen entscheidenden Einfluss hat das Geschlecht: In gleichgeschlechtlichen Freundschaften und Geschwisterpaaren steigt das Risiko für Fettleibigkeit deutlich. Für gegengeschlechtliche Freunde und Geschwister zeigt sich jedoch überhaupt kein erhöhtes Risiko.
Übergewichtige Menschen suchen sich nicht einfach ähnlich gebaute Freunde aus, betont Christakis. Vielmehr beeinflussen sie andere direkt. Sie ermuntern zum Beispiel Menschen, die bereits ein erhöhtes Körpergewicht haben, noch mehr zu essen.
„Übergewicht ist nicht nur ein individuelles, sondern ein kollektives Problem“, sagt er. Veranstalter von Abnehmprogrammen sollten deshalb immer versuchen, Betroffene gemeinsam mit ihren Freunden und Verwandten einzubinden, empfiehlt Matthew Gillman, Psychologe an der Harvard Medical School und Leiter eines Präventionsprogramms gegen Übergewicht.
Die zunehmende Toleranz gegenüber Gewichtszunahme und kräftigem Körperbau habe zur rapiden Verbreitung von Fettleibigkeit in den USA geführt. Gillman räumt zwar ein, dass das Körpergewicht unter anderem von den Genen und anderen biologischen Faktoren gesteuert wird. „Die genetische Veranlagung allein kann aber nicht die seuchenartige Ausbreitung der Fettleibigkeit in den letzten 30 Jahren erklären“, sagt er.