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„Lieber früher tot als fett“

Was denken Sie beim Stichwort „Übergewicht“? Dass die meisten – unabhängig von ihrem eigenen Gewicht – eine deutliche Abneigung gegenüber dem Dicksein haben, zeigte nun eine Internetstudie besonders eindrucksvoll: Knapp die Hälfte der 4000 Befragten würde lieber ein Jahr früher sterben, als fett zu sein. 30 Prozent sagten, dass sie sich eher scheiden lassen würden. Zwischen 15 und 30 Prozent würden lieber die Möglichkeit aufgeben, Kinder zu haben, oder wären lieber depressiv oder alkoholabhängig als übergewichtig. Fünf Prozent waren sogar bereit, für das Schlanksein ein Körperglied zu opfern, und vier Prozent wären lieber blind als adipös.

Marlene B. Schwartz von der Yale University und ihre Kollegen befragten online 4283 Menschen unterschiedlichen Gewichts nach ihren Ansichten gegenüber Fettleibigkeit sowie nach den Opfern, die sie bringen würden, um nicht dick zu sein. Durch einen Reaktionstest wurden auch die unbewussten, so genannten impliziten Einstellungen erfasst.

Befragte aller Gewichtsklassen hatten Vorurteile gegenüber Übergewichtigen und assoziierten Attribute wie „faul“ und „schlecht“ eher mit „fetten“ als mit „dünnen Menschen“. Je schlanker die Befragten, desto stärker waren allerdings die negativen Einstellungen. Denn während die Vorurteile der Übergewichtigen lediglich unterschwellig zum Vorschein kamen, hatten Dünne auch bewusste negative Ansichten zur Fettleibigkeit und waren zu den größeren Opfern bereit.

Studienleiterin Schwartz war „überrascht von der bloßen Zahl der Leute“, die so große Opfer bringen würden, wie etwa ein Lebensjahr aufzugeben. Dass sogar die Beleibten selbst implizite Vorurteile gegen das Dicksein mit sich herumtragen, zeigt laut Schwartz, „dass sie negative Stereotype internalisiert haben, so wie etwa den Glauben, faul zu sein“. Diese Vorurteile gegenüber Fettleibigkeit könnten zu Verzweiflung, Scham und Vermeidung beitragen, was gesundem Verhalten eher im Wege steht.

Dass man Übergewicht auch ganz anders sehen kann, zeigte eine weitere aktuelle Untersuchung. Maryanne Davidson von der Yale-Universität und Kathleen Knafl von der Oregon Health and Sciences University analysierten 20 Studien der letzten 10 Jahre, die sich damit beschäftigten, wie Fettleibigkeit von verschiedenen Personengruppen beschrieben wird.

Sie fanden heraus, dass die Ansichten zu Übergewicht sehr stark von der Kultur abhängen. Während weiße Frauen Fettleibigkeit mit „unattraktiv“ und „sozial unerwünscht“ in Verbindung bringen, sehen das schwarze Frauen ganz anders: Sie „definieren Übergewicht in positiven Worten und setzen es in Verbindung mit Attraktivität, sexueller Anziehung, Körperbild, Stärke oder Güte, Selbstachtung und sozialer Akzeptanz“, sagt Davidson.

Von Christine Seiger
23. Mai 2006
Quelle: Marlene B. Schwartz, Lenny R. Vartanian, Brian A. Nosek, Kelly D. Brownell: The influence of one’s own body weight on implicit and explicit anti-fat bias, Obesity, Bd. 14, 2006; Maryanne Davidson, Kathleen Knafl: Dimensional analysis of the concept of obesity, Journal of Advanced Nursing, Bd. 54, Mai 2006; Pressemitteilungen der Yale University

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