Drei von vier Patienten, denen ein Arm oder ein Bein amputiert werden musste, leiden anschließend unter „Phantomschmerzen“ in dem nur noch imaginär vorhandenen Körperteil. Dieser Schmerz beruht auf einer fehlerhaften Repräsentation des Körpers im Gehirn. Therapeuten des Bochumer Universitätsklinikums Bergmannsheil haben jetzt einen einfachen Trick gefunden, um den Phantomschmerz zu überwinden: Sie verwenden einen Spiegel.
Der Patient wird exakt so vor dem Spiegel platziert, dass er den visuellen Eindruck hat, die Spiegelung des gesunden Beins oder Arms sei das amputierte Körperglied. Dieser Eindruck ruft im Gehirn eine Art Erinnerung an den fehlenden Körperteil wach. „Der Input über die Augen ersetzt dann zum Teil die fehlenden Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein“, erklärt der Schmerzmediziner Christoph Maier. „Der Schmerz als Ersatzinformation wird dadurch überflüssig.“ Das Gehirn hört also auf, die nicht mehr vorhandenen Eingangssignale aus dem Phantomglied durch Schmerz zu ersetzen.
Der Effekt lässt sich verstärken, wenn der Patient mit dem gesunden Körperteil, das er nur im Spiegel betrachtet, Geschicklichkeitsübungen macht. Ferner hilft es, den Arm oder das Bein mit einer Bürste oder einem Igelball zu stimulieren, während man sich dabei im Spiegel zuschaut. Diese Empfindungen spüren Patienten nach einiger Übung sogar mehr oder weniger deutlich im Phantomglied.
„Dieser Effekt kann für eine Weile den Schmerz lindern“, sagt die Ergotherapeutin Susanne Glaudo. „Einer unserer Patienten ist zum Beispiel nach einer halben Stunde Üben vor dem Spiegel für mehrere Stunden schmerzfrei.“ Bislang hat Glaudo 15 Patienten mit der Methode behandelt; nur bei einem zeigte sich keine Wirkung. Eine Studie zur Wirksamkeit der Spiegeltherapie bei Phantomschmerz ist geplant, ebenso Schulungen für Therapeuten.
Um das Üben zu Hause zu vereinfachen, haben Maier und Glaudo zwei Trainingsgeräte entwickelt und zum Patent angemeldet, eines für arm- und eines für beinamputierte Patienten. Phantomschmerzpatienten des Bochumer Klinikums bekommen das Trainingsgerät für sechs Monate leihweise mit nach Hause.
Bisher hatte man bei der Behandlung von Phantomschmerzen vorrangig auf Schmerzmedikamente gesetzt, die aber oft versagen und mit starken Nebenwirkungen verbunden sind. Die Spiegeltherapie bietet nun eine Alternative. Je eher die Spiegeltherapie nach der Operation beginnt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Die Methode funktioniert auch bei Schlaganfallpatienten, die unter Lähmungen oder Wahrnehmungsstörungen leiden.