Hormone können den Menschen nicht wirklich vor dem Älterwerden bewahren. Ärzte und Wissenschaftler haben zum Auftakt des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Münster vor falschen Erwartungen und einem Missbrauch von Hormonen unter dem Schlagwort „Anti-Aging“ gewarnt.
Auf diesem Feld habe sich, ausgehend von den USA, ein „blühender Markt“ entwickelt, der leider auch von „Randgruppen der Ärzteschaft“ bedient werde, bedauerte DGE-Präsident Hendrik Lehnert. „Zum Teil wird mit diesen Hormonen Schindluder betrieben“, so der Direktor der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten an der Universität Magdeburg.
Zu den als Anti-Aging-Hormone gehandelten und zum Beispiel über das Internet vertriebenen Stoffen zählen das Nebennierenhormon DHEA oder das in der Zirbeldrüse hergestellte Melatonin. Lehnert wies darauf hin, dass für diese Substanzen in wissenschaftlichen Studien bislang keinerlei lebensverlängernde Effekte nachgewiesen worden sind. Hingegen sei es sehr wohl sinnvoll, diese und andere Hormone bei ganz anderen Indikationen einzusetzen. So wirkt etwa das den Schlaf-Wach-Rhythmus regulierende Melatonin mildernd bei Jetlag-Beschwerden nach Langsteckenflügen.
Ein Schwerpunkt des Kongresses bildet die durch jüngste Studien ins Gerede gekommene Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren. Tagungspräsident Ludwig Kiesel vom Universitätsklinikum Münster warnte hier vor überzogener Panikmache. Für Verunsicherung bei Patientinnen hatte eine amerikanische Langzeitstudie der Women’s Health Initiative (WHI) gesorgt, nach der eine jahrelange Therapie mit weiblichen Geschlechtshormonen das Brustkrebsrisiko um 26 Prozent erhöht. In absoluten Zahlen würde dies bedeuten, dass von 1000 Frauen aufgrund der Hormontherapie knapp eine Frau zusätzlich an Brustkrebs erkranken würde.
Neue Befunde aus der WHI-Studie ergaben jedoch laut Kiesel, dass das Brustkrebsrisiko nur bei denjenigen Frauen erhöht war, die (über mindestens fünf Jahre hinweg) Östrogene und Gestagene gleichzeitig verabreicht bekommen hatten. Bei jenen Frauen hingegen, die allein Östrogene erhalten hatten, war das Krebsrisiko nicht erhöht, sondern sogar leicht vermindert.
Die deutschen Endokrinologen halten deshalb eine Östrogenbehandlung in der Menopause für vertretbar, sofern die Patientinnen tatsächlich über schwerwiegende Symptome wie Schlafstörungen oder plötzliche starke Schweißausbrüche klagen. Dies, so Kiesel, sei jedoch keineswegs bei allen Frauen der Fall: „Viele Frauen erleben in der Menopause überhaupt keinen Hormonmangelzustand.“
Dass ein schwerwiegender Mangel an Geschlechtshormonen auch Männer treffen kann, machte der Münsteraner Reproduktionsmediziner Eberhard Nieschlag deutlich. Allerdings gebe es beim Mann keine „Andropause“, also keinen plötzlichen Einbruch der Hormonproduktion analog zur Menopause der Frau. Vielmehr finde bei Männern mit wachsendem Alter ein schleichender Abbau der Testosteronproduktion statt. Bei manchen älteren Männern kann es dadurch zu einem ausgeprägten Mangel an dem Geschlechtshormon kommen. Die Folgen zeigen sich in einem gesundheitsbeeinträchtigenden Abbau von Knochen- und Muskelsubstanz sowie roten Blutkörperchen. Auch die Libido leidet.
In diesen Fällen ist laut Nieschlag eine Hormontherapie mit Testosteron sinnvoll. Gute Wirkungen seien zuletzt mit einem hormonhaltigen Gel erzielt worden, das direkt auf den Hodensack aufgetragen wird und in die Haut einzieht.